„Heute ohne mich …“ Fehlzeiten-Management in der Produktion

6:38 Uhr. Kraft wartet seit 8 Minuten auf die Versandpapiere … und auf seinen Kollegen Läufer. Gestern war die letze Chance für einen termingerechten Versand. Heute ist mal wieder eine Lieferung überfällig. Langsam wird klar: Läufer kommt heute nicht. Eine Überraschung? Läufer ist 61 Jahre alt und top fit. Nie war eine Erkältung für ihn ein Grund zu fehlen. Vielleicht heute? Seit Wochen mahnt Läufer die Wartung seines Staplers an. Ständig weist er Produktionsleiter Obermeyer darauf hin, dass die Auftragspapiere viel zu oft unvollständig ankommen. Und gebetsmühlenartig verlangt Läufer vom Einkauf, dass die Packmittel rechtzeitig da sein müssen, bevor sie zu Ende gehen. Jetzt ist Läufer weg – krankgemeldet, wie sich zeigt, vorerst für eine Woche.

Krankheit: schleichend – Arbeitsunfähigkeit: eindeutig

Krankheit kommt und geht, meist schleichend. Erst ein Unwohlsein, dann Beschwerden und schließlich Einschränkungen, die in einen Arzt-Besuch münden und die eine Behandlung nötig machen. Mit Gesundheit verhält es sich ähnlich: wenn das Schlimmste überstanden ist, braucht es etwas, um wieder auf die Beine zu kommen. Später darf es auch mit dem Arbeiten wieder losgehen, schließlich vollständig gesundet kommt die Rückkehr zur Arbeit und in den Betriebsalltag.

Gesundheit und Krankheit betrieblich und natürlich auch arbeitsrechtlich gesehen ist anders definiert: „arbeitsfähig“ oder „arbeitsunfähig“ (AU). Entweder – oder. Die Entscheidung, Hause zu bleiben und zum Arzt zu gehen, fällt dagegen in einem fließenden Übergangsfeld zwischen Gesundheit und Krankheit. Bei manchem später, bei Läufer neuerdings früher. Denn Läufer hat genug: Genug von unzureichenden Arbeitsmitteln, genug von fehlerhaften Vorarbeiten und genug von unzufriedenen, meckernden Kunden.

Der Konkurrenzbetrieb in der Nachbarstadt hat einen um 24% niedrigeren Krankenstand. Dieser deutliche Unterschied steht für „motivationsbedingte Fehlzeiten“. Der Schlüssel zum Erfolg – sagt die Arbeitswissenschaft – liegt im Management, im Fehlzeiten-Management. Untersuchungen belegen: Vorgesetzte nehmen bei einem Arbeitgeber-Wechsel „ihren“ Krankenstand mit. Und die Praxis zeigt: es ist in der Tat der unmittelbare Vorgesetzte, der die Fehlzeiten in den Kontext betrieblichen Zusammenarbeitens stellen kann, um wirksam Veränderung herbeizuführen.

Der persönliche Arbeitserfolg, das „gute Ende“ der eigenen Arbeit, der eigenen Anstrengungen, ist nach psychologischen Studien der größte Motivator. Unzulängliche Arbeitsbedingungen dagegen wirken als Zerstörer von Motivation, sie wirken demotivierend. Sie erzeugen Ärger und Stress; sie schwächen das Immunsystem und fördern Erkrankungen. Ob Läufer tatsächlich arbeitsunfähig ist oder, weil es ihm schlicht „reicht“, einfach krank macht, bleibt im Endeffekt gleich.

Die aus Abwesenheit erwachsenden Kosten sind horrend. Sie addieren sich aus mehreren Faktoren. Die wichtigsten: Zeitarbeiter als Ersatz, Hilfestellungen von Kollegen, Qualitätseinbußen ungeübter Stellvertreter und am Ende Auftragsverluste unzufriedener Kunden.

Gesundheits- und Fehlzeiten-Management

Ein Abbau von Fehlzeiten bedeutet einen verbesserten Gesundheitsstatus der Mitarbeiterschaft. Das ist Grund genug, sich dafür stark zu machen. Der Abbau bedeutet allerdings auch reale Kostenersparnis, die sich direkt im wirtschaftlichen Ergebnis bemerkbar macht.

Die entscheidende Rolle für die Wende beim Krankenstand kommt den Vorgesetzten zu, jedem auf seiner Ebene: Thematisiert er die Bedeutung des Einzelnen für das gemeinsame Ergebnis und zeigt er die Folgen von Fehlzeiten für das Team plastisch auf? Beweist sich der Vorgesetzte als „Kümmerer“ im Blick auf leistungs- und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen? Führt er kontinuierlich den Dialog im Blick auf den Arbeitserfolg jedes Einzelnen und auf die gemeinsamen Ziele?

Der über lange Jahre herrschende Widerstreit zwischen Aufwendungen für Gesundheit und Verbesserung der Arbeitsbedingungen einerseits sowie Wirtschaftlichkeit des Betriebs andererseits zeigt sich in diesem Licht als Schein-Gegensatz. Tatsächlich sind es zwei Seiten ein und derselben Medaille: Gesundheit zahlt sich aus. Für alle.

www.IST-Hannover.de

Veröffentlicht von

Sascha Brinkdöpke

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