Redete Tacheles beim ing.meet.ing #15: Lia Polotzek vom Bund für Umwelt und Naturschutz aus Berlin. Foto: Nitschke Fotografen
Redete Tacheles beim ing.meet.ing #15: Lia Polotzek vom Bund für Umwelt und Naturschutz aus Berlin. Foto: Nitschke Fotografen

BUND: Ingenieurwissen gefordert bei Alternativen zu Wachstum und Konsum

Grünes Wachstum ist kein Allheilmittel gegen Klimakatastrophe, wachsenden Rohstoffverbrauch und steigende Müllerzeugung. Eine sofortige Kehrtwende von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist notwendig, um die sich global ausweitende Krise zu entschärfen. So lautete das Fazit von Lia Polotzek vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Gastreferentin zum Thema „Vom Mythos des Grünen Wachstums – Innovationen ohne Umbruch?“ beim ing.meet.ing 2020. Die 15. Veranstaltung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI OWL) und des Verbands der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE OWL) mit Podiumsdiskussion in der Bielefelder Hechelei verfolgten rund 250 Ingenieurinnen und Ingenieure, Studierende und Gäste aus der Region.

Lisa Polotzek redet Tacheles, freundlich, sachlich. Die Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin denkt und arbeitet als Referentin für Wirtschaft, Finanzen und Handel beim BUND (Berlin) international. Ihre Schwerpunkte: die aktuelle Handelspolitik der EU, die negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen des Wirtschaftens sowie eine sozial-ökologische Umwandlung des Wirtschaftssystems. Sie spricht von Krise, nicht von Wandel, hält Zahlen, Daten und Fakten parat – von den „ungemütlichen, traurigen Orten ökologischer Krisen“, aus Wissenschaft und Politik.

Drei bedeutende Krisen weltweit

Drei ökologische Krisen führt sie an, „die derzeit unsere Gemeingüter, Boden, Wasser, Luft und die Biodiversität bedrohen: die Klimakrise, das Artensterben und die Ressourcenkrise“. Derzeit steuere die Weltgemeinschaft laut Wissenschaft auf eine Erderwärmung um drei bis vier Grad zu. Demnach wären um das Jahr 2100 viele Orte in der Welt unbewohnbar, „halb Europa“ werde zur Wüste, so die BUND-Referentin, „ähnlich schlimm: Täglich sterben 150 Arten aus. Einer Studie zufolge werden wir in 100 Jahren keine Insekten mehr haben“.

Sie wolle „keine Schauermärchen“ verbreiten, sondern auf „die extrem dramatische Situation“ hinweisen, so Polotzek. Klimakrise wie Artensterben würden begünstigt durch die Ressourcenkrise. Durch die extreme Ausschöpfung gehe Land verloren, Wälder würden für die industrielle Landwirtschaft oder die (Palm-)Ölgewinnung gerodet.

Lässt sich Ressourcenverbrauch vom Wirtschaftswachstum entkoppeln? Dieser verbreiteten Idee des „Grünen Wachstums“ ging Lia Polotzek anhand wissenschaftlicher Studien auf den Grund. Eine Entkoppelung müsse global erfolgen: Umweltauswirkungen einer Produktion müssten auch die Importe berücksichtigen, die andernorts zu Flächen-, Energie- und Wasserverbrauch führten. Technische Innovationen allein seien ebenfalls keine Lösung, da sie häufig zu Problemverlagerungen führten. Eine absolute Entkoppelung, ein Wirtschaftswachstum bei sinkendem Ressourcenverbrauch, sei so de facto unmöglich.

Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen gefordert: Im Bereich Stickstoff- und Phosphor-Kreislauf und der Biosphäre besteht bereits ein extrem hohes Risiko. Grafik: Fleischatlas 2018 / Stockholm Resilience Center
Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen gefordert: Im Bereich Stickstoff- und Phosphor-Kreislauf und der Biosphäre besteht bereits ein extrem hohes Risiko. Grafik: Fleischatlas 2018 / Stockholm Resilience Center

„Grünes Wachstum ist unrealistisch“

Ihr Blick auf die Politik – nicht weniger kritisch. Der Ansatz zur Reduzierung der CO2-Emissionen fossile Stoffe durch Biomasse zu ersetzen, funktioniere nicht. Der Grund: Es brauche enorm viel Biomasse, und diese wiederum enorme Flächen. Ähnlich verhalte es sich mit der Wasserstoffwirtschaft. Zudem werde eine progressive Umweltpolitik von wenigen großen Unternehmen blockiert.

Abschließend lenkte Lia Polotzek den Blick auf die Gesellschaft. „Wirtschaftswachstum ist unser Indikator für Wohlstand. Allerdings müssen wir etwas ändern“, so ihre Aussage. Wie lasse sich in Zukunft das Wirtschaften so ausgestalten, dass in den reichen Nationen eine Reduktion von Produktion und Konsum stattfinde? Wie ließen sich demokratisch Prozesse einleiten hin zum Wohlergehen aller inklusive ökologischer Nachhaltigkeit?

BUND hält Vorschläge parat

Der BUND habe zusammen mit Greenpeace, DGB, Brot für die Welt und weiteren die Initiative Lieferkettengesetz gestartet. Dieses soll deutsche Unternehmen zu Umweltschutz und Achtung der Menschenrechte auch im Ausland verpflichten.  Gefragt seien kreatives und ungewöhnliches Denken und Hinterfragen, der Blick über Grenzen hinweg, so Polotzek. „Der Ingenieurberuf ist einer der wichtigsten beim klima- und umweltfreundlichen Umbau unserer Wirtschaft“, betonte die BUND-Expertin. Den VDI lobte sie für das Kampagnenthema 2020, „Zirkuläre Wertschöpfung“. 2019 hat der VDI OWL mit fünf Netzwerkpartnern das Projekt CirQuality OWL gegründet, zur Erarbeitung neuer Ansätze, Lösungen und Strategien für zirkuläre Wertschöpfung für den Produktionsstandort Ostwestfalen-Lippe. Die Initiative wird aus NRW-Landesmitteln mit knapp 1,2 Millionen Euro gefördert.

Entsprechend unterstrich Klaus Meyer vom Vorstand des VDI OWL, Moderator des Abends, die Forderungen Lia Polotzeks. „Denkt out of the box, fasst die Probleme mal ganz anders an“, forderte er die Ingenieurkolleginnen und -kollegen auf, „und mischt Euch auch politisch ein.“ Rolf de la Haye, Vorsitzender des VDE OWL, appellierte an die Politik, vor Förderung neuer Technologien die Ingenieursexpertise einzuholen.

Podiumsdiskussion mit Problemlösern

Bei Miele verbinde man traditionell Nachhaltigkeit, ökonomisches und soziales Handeln, so Dipl.-Ing. Christoph Wendker, Direktor für Technisches Produktmanagement und Nachhaltigkeitsfragen bei dem familiengeführten Hausgeräte-Hersteller (Gütersloh). Eine Online-Plattform für fehlerhafte oder überschüssige Materialien und Produkte stellte Katharina Dombrowski, Gründerin und Geschäftsführerin der ReUse & Trade GmbH (Paderborn), vor.Brauingenieur Jan-Karl Nielebock, Anwendungsmanager für Lebensmittel und Getränke bei der Xylem Services GmbH (Herford), brachte ein radikales Beispiel für die Möglichkeiten der Ingenieurkunst. Mit neuartigen Aufbereitungsmethoden zur Verbesserung der Wasserqualität habe Xylem 2019 aus Wasser der Kläranlage Berlin-Ruhleben ein Bier gebraut.

www.vdi.de/owl und www.vde-ostwestfalen-lippe.de

Diskutierten über den „Mythos Grünes Wachstum“: (v.l.) Marius Grewe von der Bio-Circle Surface Technology GmbH, Christoph Wendker von der Miele & Cie. KG, Gastreferentin Lia Polotzek vom BUND, Jan-Karl Nielebock von der Xylem Services GmbH, Klaus Meyer, 1. Stellvertretender Vorsitzender VDI OWL, Ralf de la Haye, Vorsitzender VDE OWL, Meriam Gotzes; 2. Stellvertretende Vorsitzende VDI OWL und Katharina Dombrowski von der ReUse and Trade GmbH. Foto: Nitschke Fotografen
Diskutierten über den „Mythos Grünes Wachstum“: (v.l.) Marius Grewe von der Bio-Circle Surface Technology GmbH, Christoph Wendker von der Miele & Cie. KG, Gastreferentin Lia Polotzek vom BUND, Jan-Karl Nielebock von der Xylem Services GmbH, Klaus Meyer, 1. Stellvertretender Vorsitzender VDI OWL, Ralf de la Haye, Vorsitzender VDE OWL, Meriam Gotzes; 2. Stellvertretende Vorsitzende VDI OWL und Katharina Dombrowski von der ReUse and Trade GmbH. Foto: Nitschke Fotografen

CirQuality OWL

Mit CirQuality OWLrealisiert der VDI OWL zusammen mit fünf Innovationsnetzen der Region – Energie Impuls OWL, InnoZent OWL, Food Processing Initiative (FPI), OWL Maschinenbau und Zentrum für Innovation in der Gesundheitswirtschaft OWL gGmbH (ZIG) – mit ihren 600 Unternehmensmitgliedern sowie der FH Bielefeld ein Kompetenznetzwerk zur Umsetzung des Regionalen Handlungskonzeptes Ostwestfalen-Lippe für einen zukunftssicheren Produktionsstandort.

Durch einen gezielten Aufbau von Handlungskompetenz für zirkuläre Wertschöpfung werden mit CirQuality OWLneue Lösungen erarbeitet. 60 regionale und überregionale Kooperationspartner beteiligen sich. Die besonders ausgeprägten Kompetenzen der Region bei Industrie 4.0 und Digitalisierung bilden eine stabile Basis für die zirkuläre Wertschöpfung am Produktionsstandort OWL.

Das Projekt wird aus Mitteln der EU und des Landes NRW mit 1,2 Millionen Euro gefördert.

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