„Deutsch fürs Dach“ mit dem Methodeneimer

Ein breites Netzwerk der Wallenhorster Integrationslotsen, der Agentur für Arbeit und der MaßArbeit hat den Weg des afghanischen Flüchtlings Rasoll Ameri in den Arbeitsmarkt unterstützt Auch sein neuer Arbeitgeber Hörnschemeyer Dächer in Wallenhorst begleitet mit viel Aufgeschlossenheit und Engagement die berufliche Integration. (Foto: MaßArbeit / Kimberly Lübbersmann)
Ein breites Netzwerk der Wallenhorster Integrationslotsen, der Agentur für Arbeit und der MaßArbeit hat den Weg des afghanischen Flüchtlings Rasoll Ameri in den Arbeitsmarkt unterstützt Auch sein neuer Arbeitgeber Hörnschemeyer Dächer in Wallenhorst begleitet mit viel Aufgeschlossenheit und Engagement die berufliche Integration. (Foto: MaßArbeit / Kimberly Lübbersmann)

Wallenhorst. Rasoll Ameri trägt stolz das Firmen-T- Shirt des Unternehmens Hörnschemeyer Dächer in Wallenhorst. Der Familienvater aus Afghanistan hat hier zunächst ein Praktikum absolviert und ist jetzt seit dem 1. November als Dachdeckerhelfer beschäftigt. Die Vermittlung erfolgte durch das Migrationszentrum der MaßArbeit, gefördert wird die Beschäftigung durch die Agentur für Arbeit Osnabrück.

Mit viel Engagement hat sich das Unternehmen Hörnschemeyer auf den Weg gemacht, den Flüchtling beruflich zu integrieren: „Rasoll Ameri ist ein total positiver Mensch: Es kommt rüber, dass er gern hier arbeitet“, beschreibt Firmenchefin Ina Hörnschemeyer.

Der afghanische Flüchtling, der seit November 2015 in Deutschland lebt, kann nicht nur bei der beruflichen Eingliederung auf breite Unterstützung zurückgreifen: Das Wallenhorster Netzwerk der Integrationslotsen hat ihn von Beginn an durch den für ihn oft so fremden deutschen Alltag begleitet. „Wir sind miteinander einkaufen oder zum Arzt gegangen, unser Team hat Rasoll und seine sechsköpfige Familie bei der Anmeldung der Kinder in Kindergarten und Schule begleitet und natürlich auch andere Behördengänge mit der Familie erledigt“, beschreibt Integrationslotsin Nicole Erben einen Teil ihrer Aufgabe. Sie ist die „gute Frau“ für Rasoll, dessen Dankbarkeit deutlich in seinem strahlenden Lächeln spürbar ist. Die Aufgabe, Flüchtlingen einen guten Start in ihr neues Leben zu ermöglichen, ist groß: Zu groß für einen Einzelnen, schildert Integrationslotse Thorsten Heese. Das Team unterstütze sich deshalb gegenseitig – auch, um eine Überforderung der Helfenden zu verhindern.

Für die Integration ist auch der Spracherwerb von entscheidender Bedeutung. Der pensionierte Berufsschullehrer Franz Hollermann hat diesen Part ehrenamtlich für Rasoll Ameri übernommen. Er reagierte auf eine Anzeige des Unternehmens Hörnschemeyer, da der Flüchtling durch seine Vollzeitstelle nicht tagsüber an den regulären Angeboten teilnehmen konnte. „In meinen 40 Berufsjahren habe ich noch nie einen Analphabeten unterrichtet: Lesen und Schreiben als Methoden des Spracherwerbs fallen da natürlich erstmal weg“, so der Pädagoge. Seine geniale Idee: Gelernt wird jeden Samstagnachmittag mit Hilfe eines berufspraktischen „Methodenkoffers“. Es geht vor allem um „Deutsch fürs Dach“ und eigentlich ist es eher ein „Methodeneimer“, der alle wesentlichen Werkzeuge für einen Dachdecker enthält. Natürlich in unterschiedlichen Farben, um auch diese Worte gleich in den Wortschatz aufzunehmen – ein voller Erfolg, bestätigt das Team bei Hörnschemeyer.

Der Fachbetrieb erledigt alles von der Dachreparatur eines Einfamilienhauses bis hin zur Neubau-Eindeckung großer Gewerbeimmobilien. Spezialgebiet ist der Flachdachbereich, bei dem Hörnschemeyer Dächer deutschlandweit Großprojekte betreut. Klar, dass dafür zuverlässige Mitarbeiter unerlässlich sind. Firmenchefin Ina Hörnschemeyer interessierte sich deshalb für die Beschäftigung von Flüchtlingen und nahm im April an einer Infoveranstaltung der MaßArbeit und der Agentur für Arbeit teil. Dort wurde sie von MaßArbeit-Vermittlerin Agnieszka Hübers angesprochen, die den Kontakt zu Rasoll Ameri herstellte, der im Migrationszentrum eine Erstberatung erhalten hatte. Da die Agentur für Arbeit bei noch nicht anerkannten Flüchtlingen für die Arbeitsmarktintegration zuständig ist, nahm Agnieszka Hübers gleichzeitig Kontakt zu ihrer Agentur-Kollegin Viktoria Chmoul auf.

In enger Zusammenarbeit wurde dann der berufliche Weg Rasoll Ameris von einem dreimonatigen Praktikum bis hin zur von der Agentur geförderten Arbeitsaufnahme begleitet. „Jeder Flüchtling ist eine individuelle Herausforderung“, erklärt Chmoul. „Wir wollen diese Menschen so schnell wie möglich in Gesellschaft und Arbeitsmarkt integrieren. Das bedeutet aber, dass wir flexible Lösungen finden und alle Beteiligten gut zusammenarbeiten. Das ist uns bei Herrn Ameri gut gelungen.“

Der Afghane weiß das Engagement zu schätzen und macht das Beste aus dieser Chance. Der 34-Jährige ist beliebt bei seinen Kollegen, nicht zuletzt, weil er jede Herausforderung anpackt. Und Herausforderungen gibt es viele im Leben des Familienvaters. Schon der Weg zur Arbeit gestaltet sich schwierig, wenn man weder Straßen- noch Firmenschilder lesen kann. Nachdem er zwei Wochen lang täglich von einem Kollegen zur Arbeit und zurück nach Hause gebracht wurde, bewältigt er inzwischen diesen Weg mit dem Fahrrad. Rund eine Stunde ist er täglich von Rulle bis nach Hollage unterwegs: „Und immer pünktlich“, berichtet seine Chefin beeindruckt.

Kurz vor Unterzeichnung des Arbeitsvertrages gab es jedoch auf Seiten der Arbeitgeber zunächst noch eine Schrecksekunde. Der Muslim Ameri wollte während des Ramadans streng fasten. Das Unternehmen hatte jedoch Sicherheitsbedenken, ihn dann etwa bei heißem Wetter ohne Essen und Trinken auf dem Dach arbeiten zu lassen. Daraufhin wünschte sich der Afghane Urlaub für die rund vier Wochen des muslimischen Fastenmonats. Unmöglich jedoch aus Sicht der Firma Hörnschemeyer: „In der Hauptsaison brauchen wir jeden Mitarbeiter“, skizziert Geschäftsführer Holger Henzel den Konflikt. Doch der über die Integrationslotsen vermittelte Kontakt zum Islamischen Zentrum in Hamburg löste das Problem: Der Islam ermöglicht in solchen Situationen Sonderregelungen, die alle Beteiligten zufrieden stellten. Und so möchte das Unternehmer-Ehepaar Ina Hörnschemeyer und Holger Henzel heute den 34-Jährigen in ihrem Team nicht mehr missen: „Mit Rasoll haben wir jemanden eingestellt, der jeden Tag alles gibt.“

www.wigos.de

www.massarbeit.de

 

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Redaktion WIR | WIRTSCHAFT REGIONAL

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