Zeitarbeit verbessert Arbeitsmarktchancen für Arbeitslose

 

Gütersloh. Arbeitslose Arbeitnehmer haben eine größere Chance auf eine re­guläre Vollzeiterwerbstätigkeit, wenn sie zunächst eine Zeitarbeit aufnehmen. Allerdings tritt dieser Effekt erst langfristig ein, und nur ein Teil der Arbeitslosen ist auf diesem Weg erfolgreich. Zu die­sem Ergebnis kommt eine Untersuchung des RWI im Auftrag der Bertelsmann Stiftung über die sogenannten „Klebe- und Sprungbretteffekte“ von Zeitarbeit.

Danach werden von Zeitarbeitnehmern durchschnittlich sieben Prozent in ein festes Anstellungs­verhältnis übernommen. Der errechnete nahtlose Übernahmeeffekt ist bei kleinen Betrieben aus­geprägter als bei großen Betrieben. Das Resultat fällt bei den „unternehmensnahen Dienstleistun­gen“ mit neun Prozent am größten aus. Er bleibt aber in jedem Fall in allen Branchen und über alle Gruppen deutlich unter den 30 Prozent, die dem „Klebeeffekt“ in der öffentlichen Debatte häufig zugeschrieben werden.

 

Dennoch waren zwei Jahre nach Eintritt in die Zeitarbeit etwa 70 Prozent der vormals Arbeitslosen in Beschäftigung, davon knapp zwei Drittel außerhalb der Zeitarbeit, während ein gutes Drittel weiterhin in der Arbeitnehmerüberlassung tätig war. Während dieser zwei Jahre kommt es zu be­deutenden Verschiebungen in der Art der ausgeübten Beschäftigung. Zum einen fällt der Anteil an Personen, die weiterhin in Zeitarbeit tätig sind, kontinuierlich. Zum anderen wächst der Anteil der­jenigen, die eine Beschäftigung außerhalb der Zeitarbeit finden. Übten im ersten Monat nach Be­ginn des Zeitarbeitsverhältnisses sechs Prozent aller Personen ein anderes Beschäftigungsver­hältnis aus, waren es nach einem Jahr bereits 34 Prozent.

 

Für eine Beurteilung des sogenannten „Sprungeffektes“ wurde für die Studie ein Vergleich von Arbeitslosen vorgenommen, die sich entweder auf dem traditionellen Weg der Arbeitsvermittlung oder über den Zwischenschritt der Zeitarbeit um eine Beschäftigung bemühen. Dabei zeigt sich, dass die Beschäftigungswahrscheinlichkeit durch die Aufnahme einer Zeitarbeit im Schnitt zwanzig Prozentpunkte höher ist. Diese erhöhte Beschäftigungschance ist jedoch vorrangig auf anhaltende oder neu aufgenommene Zeitarbeitstätigkeiten zurückzuführen. Statistisch messbare Unterschiede bei der Aufnahme von Beschäftigungsverhältnissen außerhalb der Zeitarbeit zeigen sich vor allem bei den Chancen, eine Vollzeitbeschäftigung zu finden. Allerdings weist die Studie auch nach, dass die Aufnahme von Zeitarbeit kurzfristig keinen substanziellen Vorteil und die Hoffnung auf ein Normalarbeitsverhältnis verschafft. In den ersten Monaten einer Arbeitslosigkeit verharren die Zeitarbeitskräfte vielmehr zunächst in der Zeitarbeitsbranche, während die vergleichbaren Ar­beitslosen schneller wieder eine andere Beschäftigung auf dem regulären Arbeitsmarkt finden.

 

Die Vergleichsgruppenanalyse kommt zu dem Fazit, dass Arbeitslose durch eine Tätigkeit in der Zeitarbeit ihre Chancen, zukünftig grundsätzlich in Arbeit zu sein, nachweisbar verbessern können. Allerdings geschieht dies auch längerfristig vorrangig durch Tätigkeiten in der Zeitarbeitsbranche selbst. Die Wahrscheinlichkeit, eine anderweitige Beschäftigung außerhalb der Zeitarbeit zu fin­den, kann längerfristig nur für die Aufnahme von Vollzeitbeschäftigung konstatiert werden.

 

Juliane Landmann, Projektmanagerin der Bertelsmann Stiftung: „Die Zeitarbeit ist eine reelle Chance für viele Arbeitslose rasch und auch dauerhaft in ein Arbeitsverhältnis zurück zu kom­men. Und auch als Flexibilitätspuffer für die Wirtschaft ist sie sicherlich sinnvoll. Aber die Hoffnung auf einen raschen Übergang in ein Arbeitsverhältnis außerhalb der Zeitarbeit geht nur selten in Erfüllung.“

 

Um die Rolle der Zeitarbeit als Wiedereinstiegshilfe in den Arbeitsmarkt zu stärken und die Sprungbrettfunktion der Zeitarbeit in ein Normalarbeitsverhältnis zu verbessern, schlägt die Ber­telsmann Stiftung eine intelligente Verteuerung der Zeitarbeit, eine institutionalisierte Weiterbildung sowie ein Prämiensystem für erfolgreiche Vermittlung außerhalb der Zeitarbeit vor.

 

Dazu sollte die Entlohnung von Zeitarbeitnehmern im Vergleich zu Stammbelegschaften schritt­weise, aber rasch innerhalb von mehreren Beschäftigungsmonaten angehoben und die Entloh­nungslücke geschlossen werden. Um die Aufnahme einer Beschäftigung außerhalb der Zeitarbeit zu stärken, wären zudem institutionalisierte, branchenweite Weiterbildungsangebote während der verleihfreien Zeiten und in regional organisierten Zeitfirmenverbünden sowie aussagekräftige Tä­tigkeitsnachweise denkbar.

 

Eine Alternative, die zudem unmittelbar auf die Stärkung der Sprungbrettfunktion abzielt, wäre die Einführung eines Prämiensystems seitens der Bundesagentur für Arbeit. Dabei würde den Zeitar­beitsunternehmen die nachweislich erfolgreiche Vermittlung bestimmter Zeitarbeitskräfte in eine anderweitige Beschäftigung finanziell vergütet.

 

Über die Studie
Abschätzungen über die erhöhten Jobchancen durch Zeitarbeit spielen bei der öffentlichen Diskussion dieser Tätigkeitsform eine sehr große Rolle. Die Angaben dazu sind bis­lang sehr heterogen. Um einen objektiven Beitrag anhand empirisch überprüfbarer Zahlen zu lie­fern, wurde die Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) erstellt. In dieser Studie wurde die Übernahme ehemaliger Zeitar­beitskräfte durch den Einsatzbetrieb sowie die Sprungbrettfunktion der Zeitarbeit für vormals Ar­beitslose analysiert. Dafür wurde auf Daten des IAB Betriebspanels und auf die Stichprobe der Integrierten Arbeitsmarktbiographien zurückgegriffen.

Veröffentlicht von

Peer-Michael Preß

Peer-Michael Preß – Engagement für die Unternehmerinnen und Unternehmer in der Region seit fast 20 Jahren. Als geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens Press Medien GmbH & Co. KG in Detmold ist er in den Geschäftsfeldern Magazin- und Fachbuchverlag, Druckdienstleistungen und Projektagentur tätig. Seine persönlichen Themenschwerpunkte sind B2B-Marketing, Medien und Kommunikationsstrategien. Sie erreichen Peer-Michael Preß unter: m.press@press-medien.de www.press-medien.de

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