Nachhaltigkeit und Energie-Effizienz

Quadratisch, praktisch, gut … So lautete lange, lange die Devise im klassischen Gewerbebau. Allein die Funktion der unternehmerischen Herberge sollte bei Um- und Neubauten im Vordergrund stehen. Effizienz galt ausschließlich für die Baukosten. Aus Gewerbebau ist Wirtschaftsbau, aus Kosten- ist Energieeffizienz geworden.

Das eigene Gebäude dient heute als buchstäblich größte Visitenkarte für das Unternehmen − sowohl in optischer und atmosphärischer als auch in ökologischer Hinsicht. „Corporate Architecture“ und Energetik bezeichnen mehr denn je die Trends, wenn es um die Planung von Industrie- und Gewerbebauten geht. Bestätigung findet dies beim Blick auf die Leitthemen der kommenden Fachmesse „Bau 2013“, die im Januar nächsten Jahres in München stattfindet. Sie gilt als die weltweite Leitmesse für Architektur, Baumaterialien und -systeme. Im Mittelpunkt des Messegeschehens: Nachhaltigkeit.

Die Bauwirtschaft behauptet gar, dass dieser Begriff für sie, mehr noch als für andere Gesellschaftsbereiche, zum Inbegriff des Handelns geworden sei. In Ankündigungen zur nächstjährigen Fachmesse der Branche wird herausgestellt, dass der Begriff den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden umfasst (von der Planung über die Nutzung bis zum Abriss) und neben ökologischen auch ökonomische und sozio-kulturelle Aspekte beinhaltet.
Stand der Dinge: Es wurden entsprechende Bewertungssysteme zur Zertifizierung nachhaltiger Gebäude entwickelt. Und nicht nur komplette Gebäude, sondern auch die Bauteile, aus denen sie bestehen, werden auf ihre Nachhaltigkeit hin geprüft. Umweltproduktdeklarationen (EPD´s) sollen künftig Informationen über die funktionale und ökologische Qualität von Bauteilen und Baustoffen liefern. Klar ist somit: Das Thema Nachhaltigkeit von Gebäuden wird auch in Zukunft Forschung und Entwicklung in der Bauwirtschaft bestimmen. Ein weiteres Trendthema, das bei der „Bau 2013“ im Mittelpunkt stehen soll ist mit dem Kunstbegriff „Energie 2.0“ überschrieben. Der aus dem Internet (Web 2.0) entlehnte Begriff bezieht sich allgemein auf die Zukunft der Energieversorgung von Gebäuden und die damit einhergehenden technologischen Innovationen. Neben diesen technologischen Komponenten will die Bauwirtschaft damit aber auch eine soziale Dimension beschreiben.

„Mehrwert Architektur“ und „Corporate Architecture“ stehen also mehr denn je für ein aussagekräftiges Erscheinungsbild von Unternehmen. Diese Idee hat in Deutschland sogar Tradition. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts haben die Architekten Peter Behrens für die AEG in Berlin und Walter Gropius für die Fagus-Werke in Alfeld markentragende Bauten und ein markantes Firmenerscheinungsbild mit großer Identifikationskraft geschaffen. Diese Vorstellung von nach außen sichtbarer Unternehmenskultur hat heute wieder neue Gestaltkraft bekommen und das nicht nur in den Großbetrieben, sondern auch in mittelständischen Unternehmen. Büros und Arbeitsräume werden offener, mit Ausblick ins Grüne und vermeiden Hierarchien in der baulichen Struktur. Es geht um eine gute Organisation von Arbeitsplätzen, um Kommunikation, ein ausgewogenes Tageslicht, um Ruhe für eine effektive Arbeit, aber auch um die Möglichkeit der persönlichen Begegnung unter den Mitarbeitern. Nicht zu verachten: Verbesserte Arbeits- und Werkräume ermöglichen nicht nur eine stärkere Bindung der Arbeitnehmer an das Unternehmen, sondern machen es zu einem begehrten Arbeitsplatz für hoch qualifizierte Mitarbeiter.

Nicht nur gefühlt, sondern bewiesen. In der „Bosti-Studie“, die vor einigen Jahren in 70 Firmen in den USA durchgeführt wurde, sollte die Bedeutung von Architektur für die Produktivität untersucht werden. Vor allem in Büros, aber auch in Werkräumen. Konkret ging es dabei um die Effektivität von architekturpsychologisch gesteuerten Gestaltungsveränderungen und Umfeldoptimierungen am Arbeitsplatz. Das Ergebnis: Nach fünf Jahren hatten die Angestellten ihre Leistung um bis zu 17 Prozent gesteigert.

Auch die Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation haben in der Langzeitstudie „Office Excellence Check“ einen Zusammenhang zwischen Raumqualität und Arbeitsproduktivität nachgewiesen. Dabei kamen ungenutzte Produktivitätspotenziale in deutschen Büros an den Tag: Mit dem richtigen Office-Design ließe sich demnach die Leistung der Mitarbeiter um bis zu 36 Prozent steigern. Andere Studien gehen sogar von 50 Prozent aus.

Einen kleinen Einblick in die Zukunftswelt von Gewerbebauten gibt derweil die im Jahr 2008 gegründete „Fraunhofer-Allianz Bau“. „Moderne Gebäude entwickeln sich zunehmend zu komplexen Hightech-Systemen:
In Zukunft werden Plusenergiehäuser, die die Elektroautos ihrer Bewohner auftanken, das städtische wie dörfliche Landschaftsbild prägen. Häuser werden flexibel und multifunktional sein, sich über die Wettervorhersagen dem Klima anpassen und den Nutzer durch intelligente Systeme und Gebäudesteuerung unterstützen“, prognostizieren die Wissenschaftler, die sich aus 17 Forschungseinrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft zur „Fraunhofer-Allianz Bau“ zusammengeschlossen haben. Allein dass sie, verteilt auf 22 Standorte in Deutschland sowie USA und Italien, ein Gesamtforschungsbudget von rund 240 Millionen Euro zur Verfügung haben, zeigt, wie zukunftsträchtig das Thema Bauen ist. „Der Blick in die Zukunft beinhaltet aber auch, sich mit den Bestandsgebäuden und ihrer effizienten Nutzung auseinander zu setzen. Eine der wesentlichen Herausforderungen wird in den kommenden Dekaden somit die Art und Weise sein, wie Gebäude geplant, errichtet, betrieben und ebenso wie sie saniert, umgenutzt oder letztendlich recycelt werden. Dabei kann der Fokus nicht alleine auf einzelnen Bauten liegen, sondern auf deren Wechselwirkung in Stadtquartieren sowie den Bezug zum Umland“, erklären sie weiter. Dass beim Thema Energieeffizienz vor allem im Gebäudesektor enorme Einsparpotenziale ohne Komfortverlust liegen, hat sich inzwischen weltweit rumgesprochen. Beispielsweise gelten im Gebäudesektor Chinas seit Anfang dieses Jahres um 70 Prozent strengere Energieeffizienzkriterien.
In Südkorea sowie im amerikanischen Bundesstaat Kalifornien sollen ab dem Jahr 2020 nur noch sogenannte „Net zero energy buildings“ gebaut werden. Ein ähnlicher Trend in Europa: Hier gilt ab 2020 der Standard „Nearly zero energy building“ für sämtliche Neubauten. Für all diese energieeffizienten Gebäudetypen ist das Passivhaus, eine in den 1990er Jahren in Deutschland entwickelte Marke, Vorbild und zugleich Grundvoraussetzung. Apropos rumgesprochen: Dies gilt auch mehr und mehr für die Vorreiterrolle der Region Ostwestfalen-Lippe, wenn es um ökologisches Bauen geht. Erst noch im Frühjahr diesen Jahres hatte das neue „Regionale Innovationsnetzwerk Intelligente Gebäudetechnologien Ostwestfalen-Lippe“ zu seiner Auftaktveranstaltung geladen. Koordiniert wird das Netzwerk vom Verein „Energie Impuls OWL“. „Intelligente Gebäudetechnologien Ostwestfalen-Lippe“ soll die Entwicklung von Systemlösungen für energieeffiziente und intelligente Gebäude der Zukunft bearbeiten. Im Fokus steht dabei der Anwendernutzen. Durch das Zusammenspiel der regionalen Kompetenzen und Akteure sollen nutzerübergreifende, integrierte Angebote im Bereich der Gebäudetechnologien (zum Beispiel Energie, Komfort, Sicherheit und Wartung) entwickelt und die Verbraucher in den Entwicklungsprozess einbezogen werden.
Besonderen Schub erhält das Intelligente Gebäude-Netzwerk durch die Einbettung des Themas in das Spitzencluster des Bundesforschungsministeriums mit dem Thema „Intelligente Systeme aus OWL“, das die Intelligente Gebäudetechnologie in einen hochkarätigen regionalen und überregionalen Zusammenhang stellt. Bereits existierende Gebäude wie das SmartHome-Musterhaus in Paderborn und in konkreter Planung befindliche Projekte wie beispielsweise der Neubau der Handwerkskammer Bielefeld mit dem geplanten bundesweiten „Kompetenzwerk Technisches Facility Management“ bilden die Kulisse für die Entwicklung der Intelligenten Gebäudetechnologien aus Ostwestfalen-Lippe.

Ein weiterer Vorreiter von vielen in der Region ist das Unternehmen Viessmann mit ihrem neuen Herforder Büro- und Schulungsgebäude, das von der „Deutschen Gesellschaft für Nachhaltigkeit“ (DGNB) mit dem Goldstandard zertifiziert worden ist. Von Experten immer wieder lobend angeführt wird unter anderem zudem die Bielefelder Schüco International KG, die mit ihren „Schüco Energy³ Buildings“ eine innovative Methode zur dezentralen Energieerzeugung durch Solarzellen entwickelt hat, die ohne Transport- und Umwandlungsverluste arbeitet. Durch automatisierte, Strom erzeugende Gebäudehüllen können Nutzerbedarfe und Umgebungsbedingungen optimal aufgefangen werden.

Übrigens: Die „Lust“ auf neue Unternehmensgebäude ist größer denn je. Das Deutsche Baugewerbe verzeichnet nach Angaben ihres Zentralverbandes im Bereich Wirtschaftsbau stetig steigende Auftragseingänge. Seit Monaten lägen diese im laufenden Jahr 2012 konstant um vier bis fünf Prozent über dem jeweiligen Vorjahreswert. Gerechnet wird mit einem Umsatzergebnis für deutsche Gewerbebaufirmen, das noch höher ausfällt als im Boomjahr 2008.

Veröffentlicht von

Peer-Michael Preß

Die Themenschwerpunkte des Autors sind B2B-Marketing, Medien und Kommunikationsstrategien und deren Umsetzung in der Praxis.

Seitb 20 Jahren ist er geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens Press Medien GmbH & Co. KG mit den Tätigkeitsbereichen Buch- und Zeitschriftenverlag, Druckerei und Medienagentur.

Er absolvierte die Ausbildung zum Verlagskaufmann in der Gundlach Gruppe, Bielefeld, und schloss erfolgreich ein Studium zum Betriebswirt mit Abschlussarbeit im Bereich Marketing zum Thema „E-Commerce in der graphischen Industrie“ ab.

Sie erreichen Peer-Michael Preß unter:

m.press@press-medien.de
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