Club of Logistics warnt vor Überheblichkeit in den Führungsebenen der deutschen Industrie

 Peter H. Voß Geschäftsführer, Club of Logistics e. V. (Foto: Club of Logistics e. V.)
Peter H. Voß Geschäftsführer, Club of Logistics e. V. (Foto: Club of Logistics e. V.)

Dortmund. Der Club of Logistics e.V. wendet sich mit deutlichen Worten gegen Äußerungen aus dem Management der deutschen Industrie, die eine unangemessene Selbstzufriedenheit signalisierten und damit nicht nur einen Mangel an Achtung vor den Wettbewerbern offenbarten, sondern auch die Gefahr mit sich brächten, neuen Entwicklungen gegenüber nicht wachsam genug zu sein.

„Wer mit deutschen Managern, insbesondere solchen aus der Automobilindustrie, im selben Flugzeug sitzt, bekommt nicht selten hochmütige und herabsetzende Kommentare über die internationale Konkurrenz zu hören.“, erklärt Clubgeschäftsführer Peter H. Voß. „Am Wesen der deutschen Autoindustrie soll offenbar die Welt genesen. Inzwischen tun sich jedoch sogar die Unternehmenschefs selbst mit kraftmeierischen Sprüchen hervor. Aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben sie offenbar nichts gelernt.“

Peter Voß bezieht sich dabei auf jüngste Äußerungen von Chefs deutscher Autokonzerne, die die Unangreifbarkeit ihrer Unternehmen auf den Weltmärkten suggerieren. So erklärte VW-Chef Martin Winterkorn: „Unser Weg in die digitale Welt ist sehr viel kürzer als der Weg von Google, Apple & Co. in die Welt der Mobilität.“

„Wenn der Weg so viel kürzer ist, fragt man sich, warum die deutsche Autoindustrie ihn dann nicht schon vor Google, Apple & Co. gegangen ist.“, so Peter Voß. „Letztlich, das haben die Entwicklungen der Vergangenheit gezeigt, lassen sich Technologiesprünge mit den enormen Ressourcen der IT-Konzerne an Geld und Know-how erheblich beschleunigen. Disruptive technische Neuerungen können quasi über Nacht die Position auch von Weltmarktführern kippen, wie das Beispiel Nokia versus Apple zeigt.“

„Kurzsichtiges Ingenieursweltbild“

Aber die Technologieseite sei gar nicht der entscheidende Punkt, meint Peter Voß: „Was an dieser Aussage von Martin Winterkorn so bedenklich ist, das ist die in Deutschland offenbar unausrottbare Konzentration auf reine Technologie. Es ist die Kirchturmweltsicht von Ingenieuren. Dabei sollten wir doch inzwischen gelernt haben, dass sich unter den wichtigsten Erfolgsfaktoren der Wirtschaft längst revolutionäre Geschäftsmodelle an der Technologie vorbeigeschoben haben. Wer heute seine ganze Energie auf die Perfektionierung von Technologie verwendet, kann schon in wenigen Jahren als Zulieferer von Unternehmen enden, die seine Technologie innerhalb eines erweiterten Dienstleistungs-Geschäftsmodells implementieren und daher am Ende des Tages das Sagen haben.“

Das Auto wandle sich unter den Wünschen der Kunden zu einer Kombination aus Transportmittel und Informations- und Unterhaltungsplattform, bei der das Betriebssystem auf Basis internationaler Standards das zentrale Element darstellt. Er könne nicht erkennen, dass Deutschland bei der rasanten Digitalisierung der Wirtschaft derzeit prägenden Einfluss habe, so der Club-of-Logistics- Chef. „Im Gegenteil, alles deutet darauf hin, dass die Konkurrenz aus den USA und Asien hier das Rennen macht. Etwas mehr Bescheidenheit täte daher allen Verantwortlichen gut.“

„Deutschland ist mehr als seine Autos“

Wenig Verständnis hat Peter Voß auch für eine selbstherrliche Haltung der Automobilindustrie gegenüber anderen Industriezweigen in Deutschland, wie sie in der Äußerung von Daimler-Chef Dieter Zetsche zum Ausdruck kommt. Zetsche hatte gesagt: „Wenn man die Automobilindustrie abzieht, bleibt in Deutschland nicht viel übrig.“

„Hier hat wohl jemand alle Bodenhaftung verloren.“, urteilt Peter Voß. „Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie, Logistik, das alles ist also ‚nicht viel’, obwohl all diese Industriezweige unbestritten Weltgeltung haben und die deutsche Logistik mit einem Jahresumsatz von 230 Milliarden Euro und rund drei Millionen Arbeitskräften sogar als Nummer eins in der Welt geführt wird. Eine solche Einstellung zeugt von Realitätsverlust. Deutschland ist ja wohl doch mehr als seine Autos.“

Die beiden Konzernchefs vertreten keineswegs exotische Standpunkte, wie Peter Voß anmerkt: „Diese Aussagen sind leider keine Einzelfälle und auch keine bedauernswerten Ausrutscher, denn dazu haben sich in den letzten Jahren allzu viele Manager vergleichbar herablassend geäußert. Die Zitate geben daher durchaus einen Einblick in die tatsächliche Gedankenwelt in den Chefetagen insbesondere der von allen Seiten gehätschelten Automobilindustrie. Wenn man bedenkt, dass die Lebenserfahrung das Sprichwort bestätigt, dass Hochmut vor dem Fall kommt, sollte eigentlich klar sein, dass in einer Zeit rasanter fundamentaler Veränderungen Maulhelden fehl am Platz sind.“

Positiv hebt Peter Voß dagegen ein Statement von BMW-Chef Norbert Reithofer hervor, der sagte: „Es existieren viele Ungewissheiten und Krisenherde. Volatilität ist die neue Konstante.“

„BMW hat offenbar die Zeichen der Zeit erkannt und ist bei starken Worten vorsichtiger als die Konkurrenz. Interessanterweise schneidet gerade BMW in einer Analyse des Wirtschaftsmagazins WirtschaftsWoche über die Verwundbarkeit der Autokonzerne durch Marktveränderungen weit besser ab ls die Wettbewerber VW und Daimler. Wenn das nur mal kein Omen ist!“

www.club-of-logistics.de

Veröffentlicht von

Sascha Brinkdöpke

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