Von Freitag, 8. Juli bis Sonntag, 10. Juli, sind die Werke von 41 Bachelor- und 16 Masterabsolventinnen und -absolventen in den Räumen der Lampingstraße zu sehen. (Foto: Vincent Hoelscher)
Von Freitag, 8. Juli bis Sonntag, 10. Juli, sind die Werke von 41 Bachelor- und 16 Masterabsolventinnen und -absolventen in den Räumen der Lampingstraße zu sehen. (Foto: Vincent Hoelscher)

Aktuelle Werkschau: ein Ort der gestalterischen, künstlerischen und gedanklichen Freiheit

Zweimal im Jahr präsentiert der Fachbereich Gestaltung der FH Bielefeld Abschlussarbeiten von Studierenden der vier Studienrichtungen „Digital Media and Experiment“, „Mode“, „Kommunikationsdesign“ und „Fotografie und Bildmedien“. Von Freitag, 8. Juli bis Sonntag, 10. Juli, sind die Werke von 41 Bachelor- und 16 Masterabsolventinnen und -absolventen in den Räumen der Lampingstraße zu sehen.

Bielefeld (fhb). Nicht nur die Wirkung der Einzelwerke, sondern auch der Effekt durch die schiere Masse der Abschlussarbeiten macht die Werkschau am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule (FH) Bielefeld zu einem Erlebnis. Es ist die schiere Wucht des Gesamteindrucks, die die Faszination dieser Veranstaltung, die sich längst zu einer festen Institution im Kulturkalender der Stadt entwickelt hat, immer wieder ausmacht.

Mutige Entwürfe, kühne Konzepte: Raum für neue Ideen und diverse Anschauungen

„Die Werkschau bietet einen würdigen Rahmen für mutige Entwürfe und kühne Konzepte und einen Raum für neue Ideen und diverse Anschauungen“, erklärt Dekan Prof. Dirk Fütterer. „Sie ist ein Ort der gestalterischen, künstlerischen und gedanklichen Freiheit, den es auch in Zukunft zu verteidigen gilt, denn in einer ‚Zeitenwende‘ braucht eine Gesellschaft nicht nur Wehrhaftigkeit, sondern auch Visionen.“ Dazu gehöre auch die Vielgestaltigkeit der kreativen Arbeiten: „Sie sind Ausdruck des in allen Studienrichtungen gelebten intensiven Austauschs zwischen Gestaltungs-, Theorie- und Techniklehre am Fachbereich.“

Persönliches Denken anregen und Potenziale wecken – und Teil des Spektakels werden

Genau hier knüpft Prodekanin Prof. Patricia Stolz an: „Viele Absolventinnen und Absolventen nutzen ihre Freiheit sehr bewusst. Sie wählen für ihre Abschlussarbeit ein Thema, das vielleicht in ihrem Studium nicht aufkam, sie aber persönlich umtreibt. Die eigene Motivation setzt Kreativität und Energie für exzellente Arbeitsergebnisse frei.“ Diese könnten eben auch stark künstlerisch oder gar philosophisch inspiriert sein. „Wir verstehen uns nicht als Ausbildungsbetrieb für eine gestalterische Werkbank, sondern möchten persönliches Denken anregen und Potenziale wecken.“

Prof. Fütterer betont die Besonderheit des Events am Fachbereich Gestaltung: „Neben der Betrachtung des Einzelwerks geht ein besonderer Reiz von dem Spektakel der Gesamtschau aus, weil diese ein breites und vielfältiges Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten und Darstellungsformen zu zeigen vermag.“ Exemplarisch im Folgenden einige Erläuterungen zu ausgewählten Abschlussarbeiten des aktuellen Sommersemesters, die diese „Spektakel“ mitgeprägt haben:

Studienrichtung Kommunikationsdesign: „Sag doch mal was!“, Bachelorarbeit von Carina Thomas

„Sag doch mal was!“, schallt die Stimme durch den Raum. Die Gruppe verstummt, und alle Blicke richten sich auf die angesprochene Person, eine introvertierte Persönlichkeit. Das Ergebnis? Unbeholfenes Stammeln, Lachen, Schulterzucken. Nach kurzen Momenten peinlicher Stille löst sich zwar die Situation, aber angenehm war sie keineswegs. Carina Thomas thematisiert in ihrer Arbeit das bekannte Phänomen der Introversion in Form eines Buches. Darin enthalten sind unter anderem comicartige Illustrationen mit wissenschaftlichen Einordnungen sowie persönlichen Empfindungen. Sie beschreibt darin auch, wie introvertiertes Verhalten durch einen Teil des Gehirns beeinflusst wird: Bei Introvertierten ist die Amygdala reizempfindlich, Betroffene benötigen oft Ruhe. Sie haben viel zu sagen, kommunizieren aber leiser. Sie ziehen sich zurück, um Energie zu tanken. Sie imaginieren, tagträumen und handeln überlegt. Vielleicht ist diese Arbeit ein kleines Denkmal für diese oft wenig beachteten Persönlichkeiten.

Studienrichtung Fotografie und Bildmedien: „My Love For You Was Never Real“, Bachelorarbeit von Charlotte Helwig

Wie fühlt es sich an, in der Generation heutiger junger Kreativer zu leben? Zwischen der algorithmischen Vorwegnahme der Zukunft, der daraus resultierenden und weiter zunehmenden Schnelllebigkeit und einer immer größer werdenden Aufmerksamkeitserzeugung? Die Arbeit „My Love For You Was Never Real“ von Charlotte Helwig setzt hier an. Sie untersucht das wachsende Streben nach sozialen Verbindungen, gleichzeitigem Optimierungsdruck und den Versuchen, sich dazwischen zu orientieren. Dazu zitiert sie mit ihrer fotografischen Sprache Werbung und populäre Bilder, darunter gläserne Stundengläser, Menschen bei Schönheitsbehandlungen oder Nahaufnahmen von auflösenden Brausetabletten im Wasserglas. Entstanden sind unzusammenhängende Bilder, ein Konglomerat an Motiven, das Gefühle eines Zeitgeistes erfasst.

Studienrichtung Digital Media and Experiment: „Doxa“, Masterarbeit von Max Lahr

Rassistische Stereotypen werden in Medien reproduziert. So entwickeln sich mit der Zeit aus einzelnen wiederholten Beschreibungen allgemein anerkannte „Fakten“ über gesamte Personengruppen. Solch unhinterfragte Wahrheiten bezeichnet der Soziologe Pierre Bourdieu als Doxa. Max Lahr untersuchte für seine gleichnamige Installation die Darstellung schwarzer Menschen in Filmen der Tatort-Serie, Überschriften der Bild-Zeitung sowie Werbungen für Spendeninitiativen. Die stereotypen Beschreibungen als Flüchtlinge, Kriminelle oder verarmte Menschen installiert er mit drei Projektionsflächen. Seine interaktive Installation hinterfragt, wie diese äußerlichen Einflüsse auf uns wirken und wie wir diese wahrnehmen. Die Besucherinnen und Besucher nehmen durch Interaktion Einfluss auf die gezeigten Bilder und können durch ihre Bewegungen im Raum klare oder verschwommene Darstellungen provozieren.  So werden sie selber Teil der Installation und zeigen die Schärfe und Unschärfe der Stereotypen auf.

Studienrichtung Mode: „into the multiverse“, Bachelorarbeit von Alina BrederWas wäre, wenn es nicht nur eine reale Welt gäbe, sondern jede Realität neben einer Alternative existieren könnte oder unendlich viele Kopien unseres Universums vorlägen? Die Frage nach einem solchen „Multiversum“ ist nicht der Sphäre virtueller Technologien vorbehalten, sondern gründet in der Astrophysik. Sie stellt sich der Frage, ob neben unserem bekannten Universum parallele Welten, Doppelgänger und sich überlagernde Realitäten existieren. Diesen Überlegungen nähert sich Alina Breder mit ihrer Kollektion „into the multiverse“. Angelehnt an die Theorien des Multiversums, zerlegt sie zunächst eine Kollektion in ihre Bestandteile, um mit einer neuen Zusammenfügung die Bedeutung unendlicher Möglichkeiten aufzuzeigen und die Grenzen eingeübter Gedankenhorizonte zu überschreiten.

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WIR Redaktion

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