Rock’n’Roll auf der Klimakonferenz

Rock'n'Roll auf der Klimakonferenz Berlin (dapd). Es war eine Show, wie sie selten zuvor eine Klimakonferenz gesehen hat: Irgendwann im Laufe des Samstagnachmittags musste dem Präsidenten der Konferenz, Abdullah Bin Hamad Al-Attijah, der Kragen geplatzt sein. Als kaum noch jemand mehr damit rechnete, dass die Delegierten am Ende mit einem Ergebnis nach Hause reisen würden, eröffnete der stellvertretende katarische Ministerpräsident überraschend die Sitzung. Und nur wenige Minuten später ist das Doha-Paket beschlossene Sache. Verwirrung bei Delegierten und Beobachtern. War es das? Wie ein Schlagzeuger, der in seiner Musik aufgeht, paukte Al-Attijah die einzelnen Bestandteile des Pakets durch. Der Beschluss zur Verlängerung des Kyoto-Protokolls? „It’s so decided.“ Der Fahrplan für ein neues weltweites Klimaschutzabkommen. „So decided!“ Unterstützung für Entwicklungsländer bei klimabedingten Schäden? „So decided!!!“ Bei jeder Entscheidung ließ er das Hämmerchen ein wenig entschiedener fallen, bei jedem Hammerschlag schien seine Ekstase zu wachsen, er riss die Augen auf, fegte die Kufiya über die Schulter. Und als alles vorbei war, lächelte er zufrieden. Das war’s. Der Verhandlungsmarathon war vorbei. War das wirklich der gleiche Mann, der am Vortag noch entspannt vor seinen Delegierten saß, sie freundlich anschmunzelte und ihnen versuchte klar zu machen, dass er keine Eile habe? „Ich habe Zeit“, verkündete er. „Ich wohne nur eine halbe Stunde Autofahrt von hier entfernt.“ Und: „Ich kann hier auch noch ein Jahr mit Ihnen sitzen.“ Das war am Freitagmorgen. Mehrfach trafen sich daraufhin die Delegierten im großen Plenum, nur um sich aufgrund der vielen Bedenken immer wieder zu vertagen. Der deutsche Umweltminister Peter Altmaier (CDU) wurde auserkoren, eine Arbeitsgruppe zu leiten, in der es um strittige Fragen rund um einen neuen Weltklimavertrag ging. Im Beichtstuhlverfahren bat der Katholik Altmaier die Delegierten zu sich, um sich deren Bedenken anzuhören und möglichst auszuräumen. Eine Aufgabe, die wie gemacht zu sein schien für den Beziehungspolitiker Altmaier. Bei mehr als 190 Teilnehmer-Staaten sollte sich dies allerdings als wahre Herkulesaufgabe erweisen: Ganze eineinhalb Stunden habe er geschlafen, twitterte er am Samstagmorgen. Im Schneckentempo arbeiteten sich die Delegierten voran. Was den einen zu ambitioniert war, war den anderen zu lasch. Die einen pochten auf finanzielle Zusagen und ehrgeizige Minderungsziele, andere verwiesen darauf, dass manche Staaten sich dem Projekt gänzlich verweigerten und die nächsten wollten ihre lieb gewonnene Privilegien bewahren. Ein Scheitern der Konferenz, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon zu Ende sein sollte, schien zum Greifen nahe. Doch am Samstagmorgen legte Al-Attijah mehrere Kompromissvorschläge vor. Anders als im Souk in Dohas Innenstadt folgten die Vorlagen allerdings nicht dem Prinzip „Gibst Du mir, gebe ich Dir“, vielmehr handelte es sich am Ende um einen klassischen Kompromiss mit kleinstem gemeinsamen Nenner. Wer nun aber gehofft hatte, bald seine Sachen packen zu können, sah sich jedoch abermals enttäuscht. Und langsam verlor auch der Konferenzpräsident, der am Vortag noch als Erzähler der „Märchen aus 1001 Nacht“ hätte durchgehen können, seine Geduld. „So gerne ich Sie hier in Doha habe, wir haben keine Zeit mehr“, mahnte er. „Es ist Zeit für den Endspurt.“ Doch der Endspurt sollte noch den ganzen Samstag dauern. Russland und weitere osteuropäische Staaten blockierten eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls, weil sie eine Einschränkung beim Handel mit Emissionsrechten nicht akzeptieren wollten. Kein Wunder – immerhin sind diese bares Geld wert. Die Beratungen drehten sich im Kreis, schon reisten die Ersten ab. Also doch ein Scheitern? Eine Weltklimakonferenz ohne Ergebnis? Seit Den Haag vor zwölf Jahren war kein Treffen mehr ohne Ergebnis beendet worden, wenn man von dem Scheinkompromiss in Kopenhagen einmal absieht. Das hätte sich Al-Attijah nicht leisten können. Und das hätte sich auch Katar nicht leisten können. Waren doch Bestrebungen, sich durch Solarforschung auf der gegenüberliegenden Straßenseite und eine weitgehend papierfreie Konferenz ein grünes Image zu verpassen, ohnehin schon mit hochgezogenen Augenbrauen aufgenommen worden. Am Ende setzte Al-Attijah alles auf eine Karte – und gewann. Mit seinem Auftritt hatte er die Sympathien auf seiner Seite, die Kritik Russlands an dem Verfahren verpuffte. Ob Moskau dies aber wirklich auf sich wird sitzen lassen wird, ist offen. Dennoch: Fast alle der 17.000 Teilnehmer der Konferenz dürften Al-Attijah den Alleingang gedankt haben. Mit seinem Auftritt hat der Katarer die Doha-Konferenz doch noch unvergessen gemacht. dapd (Politik/Politik)

Veröffentlicht von

Peer-Michael Preß

Die Themenschwerpunkte des Autors sind B2B-Marketing, Medien und Kommunikationsstrategien und deren Umsetzung in der Praxis.

Seitb 20 Jahren ist er geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens Press Medien GmbH & Co. KG mit den Tätigkeitsbereichen Buch- und Zeitschriftenverlag, Druckerei und Medienagentur.

Er absolvierte die Ausbildung zum Verlagskaufmann in der Gundlach Gruppe, Bielefeld, und schloss erfolgreich ein Studium zum Betriebswirt mit Abschlussarbeit im Bereich Marketing zum Thema „E-Commerce in der graphischen Industrie“ ab.

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