Preisträger Oliver Richters (anbei, Foto: Luise Hamm - luisehamm.com)
Preisträger Oliver Richters (anbei, Foto: Luise Hamm - luisehamm.com)

Volks- und Betriebswirte-Preis: Muss die Wirtschaft wirklich wachsen?

Der mit 3.000,- Schweizer Franken dotierte, vom Institut für Wirtschaft und Ökologie an der Universität St. Gallen (IWÖ-HSG) und dem Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte (bdvb) 2020 zum zweiten Mal verliehene Hans Christoph Binswanger Preis geht an den Nachwuchsökonomen und Fellow am Institut für zukunftsfähige Ökonomien Oliver Richters. In seiner interdisziplinären, im Juni 2020 an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg mit Auszeichnung verteidigten Dissertation relativiert Richters die These des bekannten Umweltökonomen Hans Christoph Binswanger, dass in der Geldwirtschaft ein unüberwindlicher struktureller Wachstumszwang gegeben sei.

„Mit der Frage des Wachstumszwangs und der Modellierung der Geldwirtschaft greift Oliver Richters zwei Themen auf, die von akuter gesellschaftlicher Relevanz sind“, begründete Thomas Dyllick, Professor Emeritus am Institut für Wirtschaft und Ökologie an der Universität St. Gallen und langjähriger Weggefährte Hans Christoph Binswangers, die einstimmige Entscheidung der Jury. „Richters behandelt diese Themen gleichermaßen tiefschürfend wie auch eigenständig und innovativ. Damit qualifiziert er sich als klarer, verdienter Sieger unserer diesjährigen Ausschreibung, auch wenn es durchaus mehrere Einreichungen gab, die wir für preiswürdig hielten.“

Willi Rugen, Präsident des Bundesverbands Deutscher Volks- und Betriebswirte, gratulierte dem Preisträger zu seiner kreativen Bereicherung der wissenschaftlichen Debatte. „Oliver Richters tritt nicht nur der herrschenden Meinung, sondern auch Hans Christoph Binswanger mutig entgegen, indem er den von Binswanger postulierten Wachstumszwang in Frage stellt. Binswanger selbst hätte an dieser intellektuellen Herausforderung die größte Freude gehabt. Gleichzeitig zeigt Richters‘ Beitrag, wie wichtig es ist, für Denkanstöße aus anderen Disziplinen offen zu sein. Ich bin gespannt, wie seine Thesen im wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs aufgenommen werden.“

Der Preisträger Oliver Richters war während seines Physik-Studiums erstmals mit den Wirtschaftswissenschaften in Kontakt gekommen und schnell auf Hans Christoph Binswangers Hauptwerk „Die Wachstumsspirale“ aufmerksam geworden. „Die Wachstumsspirale ließ mich ratlos zurück, denn es liegt auf der Hand, dass eine stete Verdopplung der Wirtschaftsleistung alle 40 Jahre (bei 1,8% Mindestwachstum) in die ökologische Katastrophe führen würde. Im Anschluss an meinen Physik-Master entschied ich mich daher, den Fragen des Wachstumszwangs und der Modellierung monetärer Ökonomien nachzugehen.“

In seiner am 29. Juni 2020 an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg mit Auszeichnung verteidigten Dissertation (Titel: „Between bounded rationality and economic imperatives: essays on out-of-equilibrium dynamics“) liefert Richters einen Überblick über die inzwischen 150 Jahre alte Debatte über die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums und analysiert die Rolle von ökonomischen, politischen und kulturellen Ursachen des Wachstums. Mögliche Auswege aus dem Dilemma der stetig wachsenden Wirtschaft seien institutionelle Verbrauchsbegrenzungen und die Begrenzung von Akkumulation, also „das Setzen kluger Grenzen“, so der Preisträger.

Hans Christoph Binswanger (1929-2018, seit 2016 Mitglied im bdvb) gehörte zu den wichtigsten unorthodoxen Ökonomen im deutschsprachigen Raum. Schwerpunkte seiner Forschungs- und Publikationstätigkeit waren der Zusammenhang zwischen Ökonomie und Ökologie, die Dynamik der Geldwirtschaft und die ökonomische Deutung von Kunst und Dichtung. Wirtschaftliches Wachstum hielt er für notwendig, zusätzlich aber erblickte er in der Geldschöpfung die Ursache einer problematischen Dynamik, die über das wirtschaftlich notwendige Wachstum hinausgehe und durch geeignete wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen eingedämmt werden müsse.

Der 1901 in Berlin gegründete unabhängige Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte e.V. vertritt über die Teildisziplinen hinweg die Interessen aller Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland in Studium und Beruf. Als anerkannter und größter Wirtschaftsakademikerverband unterstützt er die interdisziplinäre Diskussion über ökonomische Themen und bietet ein Forum für den Gedankenaustausch zwischen Wissenschaft und Praxis. Der bdvb kooperiert mit in- und ausländischen Partnerverbänden, Forschungseinrichtungen und Unternehmen.

Terminhinweis: Dienstag, 01.12.2020, 18:00 Uhr online (Zoom)
bdvblounge.digital „Muss die Wirtschaft wirklich wachsen?“

Öffentliche Debatte mit dem Preisträger Oliver Richters und Prof. Mathias Binswanger

Informationen und Anmeldung unter: www.bdvblounge.digital

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