Altersarmut: mehr Flexibilität notwendig

Ungenügende Rente und Anstieg der Altersarmut

Altersarmut lässt sich verhindern
Die beste Maßnahme gegen Altersarmut: Flexibilität in System (Foto: ArtWithTammy@pixabay)

Gütersloh. Unbefristete Jobs und eine langjährige Bindung an den Arbeitsplatz – dieses Arbeitsmodell ist für viele Menschen selbstverständlich. Doch spätestens seit den 1990er Jahren hat es zunehmende Konkurrenz bekommen. Mini-Jobs, lange Phasen der Erwerbslosigkeit und niedrige Löhne gehören für eine steigende Zahl von Arbeitnehmern mittlerweile zum Alltag. Wie sich dieser Wandel der Arbeitswelt auf die Altersarmut auswirkt und wer davon am stärksten betroffen ist, hat eine Studie der Bertelsmann Stiftung untersucht.

Deutsches Rentensystem benötigt Anpassung

Das deutsche Rentensystem ist nicht ausreichend vorbereitet auf die steigende Zahl von Personen mit flexiblen Arbeitsverhältnissen, unterbrochenen Erwerbs-
biographien und geringen Einkommen. Bis 2036 wird das Risiko für Altersarmut weiter steigen. Am stärksten davon betroffen sind alleinstehende Frauen, Menschen ohne Berufsausbildung und Langzeitarbeitslose. Doch viele der aktuell
diskutieren Reformvorschläge könnenden Trend steigender Altersarmut nicht umkehren, da sie nicht zielgenau auf die Risikogruppen und die Ausbreitung des Niedriglohnsektors eingehen. Das sind die Ergebnisse einer Un-tersuchung zur Altersarmut, die auf Grundlage repräsentativer Haushaltsdaten die Altersein-
kommen aus gesetzlicher, privater und betrieblicher Altersvorsorge von 2015 bis 2036 prognostiziert.

Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung

Die Berechnungen haben die Wirtschaftsforschungsinstitute DIW Berlin
und ZEW im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführt. Die Analyse
bis zum Jahr 2036 liefert erstmalsauch Erkenntnisse über den Verlauf der Alters-
armut der geburtenstarken Jahrgänge, der sogenannten Babyboomer,die ab 2022
in Rente gehen werden. Laut Studienautoren wird das Risiko der Altersarmut bis 2036 auf 20 Prozent steigen (2015: 16 Prozent). Damit wäre zukünftig jeder fünfte
deutsche Neurentner (ab 67 Jahren) von Altersarmut bedroht. Als armutsgefährdet gelten Rentner laut Studie dann, wenn ihr monatliches Nettoeinkommen unter 958 Euro liegt. Parallel prognostizieren die Autoren
einen weiteren Anstieg der Grundsicherungsquote: Sieben Prozent der
Neurentner könnten zukünftig auf staatliche Unterstützung angewiesen sein
(2015: 5,4 Prozent), weil ihr Einkommen nicht für den Lebensunterhalt
reicht.

Risikogruppen für Altersarmut

Aart de Geus von der Bertelsmann Stiftung fordert ein flexibleres System der Altersabsicherung
Aart de Geus, Vorstand der Bertelsmann Stifung, warnt vor Stillstand

Als wesentlich für den Trend steigender Altersarmut nennen die Autoren zwei Ursachen: Zum einen die Zunahme von unterbrochenen Erwerbsbiographien und prekären Arbeitsverhältnissen im Niedriglohnsektor. Zum anderen sinkt das
Rentenniveau durch die demografische Entwicklung und rentenrechtliche Veränderungen kontinuierlich, während die zum Ausgleich geschaffenen Instrumente der privaten Altersvorsorge keine flächendeckende Wirkung
entfalten. „Wir brauchen Reformen für den Ruhestand: Wenn die Babyboomer-
Generation in Rente geht, könnte es zu einem bösen Erwachen kommen. Um das
Alterssicherungssystem zukunftsfest zu gestalten, müssen wir es an die veränderten Rahmenbedingungen der Arbeitswelt anpassen“, so Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung. Alleinstehende Frauen,
Langzeitarbeitslose und Niedrigqualifizierte haben insgesamt das größte Risiko, von Altersarmut betroffen zu sein. Fast jede dritte alleinstehende Neurentnerin
könnte zukünftig auf Grundsicherung angewiesen sein. Für sie steigt die Grundsicherungsquote zwischen 2015 und 2036 von 16 auf fast 28 Prozent. Damit ist das Risiko zur Altersarmut bei alleinstehenden Frauen rund viermal so hoch wie im Durchschnitt (sieben Prozent). Bei Langzeitarbeitslosen steigt die Grundsicherungsquote von rund 19 auf 22 Prozent,  bei Menschen ohne Berufsausbildung von 10 auf 14 Prozent. Auch zwischen Ost und West gibt es starke Unterschiede.Für Rentner aus den neuen Bundesländern verdoppelt sich das Risiko zur Altersarmut von 5 auf 11 Prozent.
In den alten Bundesländern wird die Grundsicherungsquote hingegen nur auf sechs Prozent steigen (2015: 5,5 Prozent). Laut Christof Schiller, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung, sind diese Entwicklungen vor allem auf die Umbrüche auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt seit den 1990er
Jahren zurückzuführen.Das geringste Risiko zur Altersarmut haben Personen, die mindestens 35 Jahre in Vollzeit erwerbstätig waren (Grundsicherungsquote
2036: 1,8 Prozent).

Reformen an wirtschaftliche Realität anpassen

Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung gibt es klare Risikogruppen

Für eine grundlegende Trendumkehr der steigenden Altersarmut müssten Reformen stärker die Risikogruppen, die veränderten Erwerbsbiographien
und die Situation an den Kapitalmärkten in den Blick nehmen. „Die aktuellen
Reformdebatten gehen oft an der Wirklichkeit vorbei und lösen kaum die grundlegenden Ursachender Altersarmut. Diskussionen um eine Stabilisierung des Rentenniveaus helfen Risikogruppen nicht weiter, die schon während ihrer
Berufsjahre nur schlecht von ihrem Gehalt leben können“, so Christof Schiller.
Zwar sei zu begrüßen, dass die Reformdebatte zuletzt wieder deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Es bleibe aber größtenteils ungeklärt, ob und wie sich die
Ziele einer künftigen Sicherung des Lebensstandards und der Armutsvermeidung im Alter miteinander vereinbaren lassen. Dreh- und Angelpunkt eines niedrigeren Armutsrisikos für Rentner ist einerseits die Schaffung flexiblerer und sicherer Übergänge im Erwerbsverlauf sowie eine verbesserte Arbeitsmarktintegration für Risikogruppen. Gleichzeitig muss
das Alterssicherungssystem zukunftsfester und weniger krisenanfällig
gestaltet werden – sowohl mit Blick auf den Wandel der Arbeitswelt als auch auf
die aktuelle Entwicklung an den Kapitalmärkten. Zusatzinformationen
Die Studie „Entwicklung der Altersarmut bis 2036: Trends, Risikogruppen und Politikszenarien“  basiert auf einer Mikrosimulation der Alterseinkommen 2015 bis 2036, die durch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) durchgeführt wurde. Grundlage für die Simulationsrechnungen sind repräsentative SOEP-
Haushaltsdaten. Das SOEP ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung, bei
der etwa 30.000 Bürgerinnen und Bürger in fast 12.000 Haushalten befragt
werden. Die Studie erfasst die Geburtsjahrgänge zwischen 1947 bis 1969. Berechnet wird der gesamte zukünftige Einkommensmix im Alter, bestehend aus
gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge. Weitere Informationen unter: www.bertelsmann-stiftung.de.

Veröffentlicht von

Katherina Ibeling

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