Portrait Uwe Rotermund
Uwe Rotermund ist Unternehmer, Organisationsentwickler, Autor und Keynote Speaker. Als CEO von noventum consulting beschäftigt er sich seit über 29 Jahren mit zukunftsfähigen Führungskulturen, Organisationssystemen, Change-Management, Organisationsentwicklung und New Work. Sein Fokus liegt darauf, Unternehmen wirksamer, schneller und menschlicher zu machen ohne in Beliebigkeit, Meeting-Theater oder Führungsromantik abzurutschen.

Raus aus der Pyramide: Warum mittelständische Unternehmen Verantwortung neu organisieren müssen

Viele Unternehmen wollen schneller, eigenverantwortlicher und innovativer werden. Sie führen agile Methoden ein, sprechen von New Work und wünschen sich mehr Unternehmertum. Im Alltag bleibt oft eine alte Logik wirksam: Entscheidungen wandern nach oben, Führungskräfte werden zum Engpass, Teams warten auf Freigaben. Das Problem liegt selten bei der Motivation. Es liegt im Design der Organisation.

Wer Verantwortung neu organisieren will, sollte mit einer unbequemen Frage beginnen: Ist wirklich klar, wer wofür entscheiden darf?


In vielen Betrieben lautet die ehrliche Antwort: teilweise. Aufgaben sind beschrieben, Stellen benannt, Bereiche sortiert. Aber zwischen Aufgabe und Entscheidung liegt häufig eine Lücke. Genau dort entstehen Reibung, Absicherung und Meeting-Schleifen.


Ein hilfreiches Denkbild ist das Verantwortungsdreieck. Verantwortung wird nur dann wirksam, wenn drei Seiten zusammenpassen: klare Aufgabe, echter Entscheidungsspielraum und nachvollziehbare Konsequenzen. Fehlt eine Seite, entsteht Scheinselbstständigkeit. Teams sollen „unternehmerisch denken“, dürfen aber Budgets nicht beeinflussen. Führungskräfte sollen „loslassen“, werden aber weiter an Detailkontrolle gemessen. Mitarbeitende sollen entscheiden, sichern sich aber informell ab, weil unklar ist, ob ihre Entscheidung getragen wird.
Die Pyramide hat lange Ordnung geschaffen. In stabilen Märkten konnte sie effizient sein: oben Überblick, unten Ausführung. Doch je komplexer Kundenanforderungen, Technologien und Geschäftsmodelle werden, desto problematischer wird diese Trennung. Die beste Information liegt oft nah am Kunden, am Produkt oder am Prozess. Wenn Entscheidungen trotzdem mehrere Ebenen nach oben wandern, verliert die Organisation Zeit und Qualität.
Das Gegenmodell ist nicht Führungslosigkeit. Selbstorganisation bedeutet nicht, dass alle über alles abstimmen. Im Gegenteil: Je mehr Verantwortung verteilt wird, desto klarer muss die Entscheidungsarchitektur sein. Eine gute Organisation beantwortet drei Fragen, bevor Konflikte entstehen: Wer entscheidet? Wer muss vorher gehört werden? Nach welchen Kriterien wird entschieden?


Entscheidungen werden nicht besser, wenn möglichst viele Menschen beteiligt sind. Sie werden besser, wenn klar ist, welches Wissen gebraucht wird, wer Verantwortung trägt und wann eine Entscheidung getroffen werden muss. In vielen Organisationen verschwimmt genau das. Dann wird Beteiligung zur Absicherung, Abstimmung zur Verzögerung und Verantwortung zur gemeinsamen Unschärfe. Eine wirksame Organisation schafft deshalb Räume, in denen Perspektiven gehört werden, ohne dass am Ende unklar bleibt, wer entscheidet.


Damit dezentrale Verantwortung nicht beliebig wird, braucht sie einen starken Kern. Hier setzt das Pfirsichbild an, das noventum im Organisationsdesign „Kernkraft“ nutzt: innen ein gemeinsamer Werte- und Orientierungskern, außen bewegliche Verantwortungsräume. Der Kern gibt Richtung: Wofür stehen wir? Was ist strategisch wichtig? Welche Prinzipien gelten, wenn nicht jede Entscheidung zentral vorgegeben werden kann? Außen brauchen Teams Freiheit, um innerhalb dieses Rahmens wirksam zu handeln.

Grafik Kernkraft
Grafik: noventum consulting


Dieser Kern wird besonders wirksam, wenn Strategie nicht abstrakt bleibt, sondern Vision und Mission konkretisiert und operationalisiert. Erst dann wird Sinn im Arbeitsalltag erfahrbar. Für die Strategieumsetzung braucht es zugleich ein wirkungsvolles Controlling strategischer Ziele, etwa über OKRs und Health Metrics. Sie machen Fortschritt sichtbar, fördern Leistungs- und Wirkungserleben und stärken damit Leistungsorientierung. Sinn, Leistungsorientierung und Autonomie sind zentrale Attraktoren im KERNKRAFT-Konzept: Sie verbinden Orientierung mit Eigenverantwortung.
Das ist besonders für mittelständische Unternehmen relevant. Viele leben von Kundennähe, kurzen Wegen und hoher Identifikation. Gleichzeitig wachsen mit Größe und Komplexität neue Abstimmungsbedarfe. Was früher über Zuruf funktionierte, wird irgendwann zur informellen Abhängigkeit von wenigen Schlüsselpersonen. Dann ist nicht mehr Nähe der Vorteil, sondern Unklarheit das Risiko.


Ein einfacher Test zeigt, wie reif eine Organisation in dieser Frage ist: Man nehme eine wichtige Entscheidung der letzten Wochen und verfolge ihren Weg zurück. Wer hatte die erste Information? Wer hätte entscheiden können? Wer musste zustimmen? Wo wurde vertagt oder eskaliert? War am Ende klar, wer die Entscheidung verantwortet? Dieser Blick ist oft aufschlussreicher als jedes Organigramm.


Ähnlich ehrlich sind Meetings. Sie zeigen, ob Rollen, Ziele und Entscheidungswege klar sind. Ein Meeting ohne Entscheidung ist nicht automatisch schlecht; es kann der Abstimmung, dem Lernen oder der Konfliktklärung dienen. Problematisch wird es, wenn der Zweck unklar bleibt. Dann sitzen zu viele Menschen im Raum, weil niemand weiß, wer wirklich gebraucht wird. Die Besprechung wird zum Ersatz für fehlendes Organisationsdesign.


Auch Silos sollten differenzierter betrachtet werden. Fachbereiche sind nicht per se falsch. Sie schaffen Expertise, Zugehörigkeit und Verlässlichkeit. Gefährlich werden sie, wenn aus Spezialisierung Abschottung wird. Silos wachsen durch Zielkonflikte, Budgetlogiken und Belohnungssysteme, die den eigenen Bereich wichtiger machen als den gemeinsamen Wertbeitrag.


Die zentrale Aufgabe moderner Organisationsentwicklung lautet deshalb nicht: Wie werden wir möglichst hierarchiefrei? Sondern: Wie schaffen wir Klarheit, damit Verantwortung dort ausgeübt werden kann, wo Wissen und Wirkung entstehen? Dazu gehören Rollen, Entscheidungsrechte, Informationsflüsse, Führung und Rituale der Zusammenarbeit. Zusammen bilden sie das Betriebssystem der Organisation.


Genau darin liegt ein zentraler Punkt zukunftsfähiger Unternehmensführung: Menschen sollen Verantwortung nicht nur zugeschrieben bekommen, sondern sie im Arbeitsalltag auch tatsächlich ausüben können. Dafür braucht es bewusst gestaltete Organisationen mit klaren Rollen, verlässlicher Orientierung und Führung, die Verantwortung ermöglicht, statt sie durch Kontrolle wieder einzufangen.


Der erste Schritt ist eine ehrliche Diagnose. Wo warten Menschen auf Freigaben, obwohl sie fachlich entscheiden könnten? Wo schützen Meetings vor Verantwortung? Wo erzeugen Ziele Konkurrenz zwischen Bereichen? Wo fehlt der gemeinsame Kern, der Orientierung gibt?


Wer diese Fragen ernsthaft bearbeitet, lernt etwas Entscheidendes: Organisation ist kein Organigramm. Sie ist die Art, wie Verantwortung, Information und Entscheidung verbunden werden. Genau dort entscheidet sich, ob ein Unternehmen nur modern klingt oder wirklich wirksamer wird.

Kurzprofil des Autors:

Uwe Rotermund ist Unternehmer, Organisationsentwickler, Autor und Keynote Speaker. Als CEO von noventum consulting beschäftigt er sich seit über 29 Jahren mit zukunftsfähigen Führungskulturen, Organisationssystemen, Change-Management, Organisationsentwicklung und New Work. Sein Fokus liegt darauf, Unternehmen wirksamer, schneller und menschlicher zu machen ohne in Beliebigkeit, Meeting-Theater oder Führungsromantik abzurutschen.

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