Berlin (dapd-nrw). Andreas Rettig ist nach den Ausschreitungen Dresdner Fußballfans beim DFB-Pokalspiel in Hannover am späten Mittwochabend erschrocken. „Das Stadionerlebnis darf für alle kein Ort des Schreckens werden, auch nicht für Polizisten“, sagte der designierte Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL) am Donnerstag im „Morgenmagazin“ des ZDF. Am Mittwoch waren zahlreiche Anhänger von Dynamo Dresden am Rande der 3:4-Niederlage nach Elfmeterschießen bei Hannover 96 durch gewaltsame Aktionen aufgefallen, hatten versucht, ins Stadion einzudringen, Feuerwerkskörper auf den Rängen gezündet und nach dem Spiel den Innenraum gestürmt. Die Polizei nahm 16 Personen fest. Polizeibeamte fürchteten um ihre Sicherheit Rettig verteidigte am Donnerstag erneut das bei Fans umstrittene Papier der DFL zur Stadionsicherheit. „Es ist kein in Stein gemeißeltes Konzept, sondern eine Diskussionsgrundlage“, gab sich der 49-Jährige gesprächsbereit. Vieles aus dem Papier werde in der Öffentlichkeit übertrieben dargestellt, kritisierte der frühere Manager des FC Augsburg. „99 Prozent der Fans geht das am Ende gar nichts an“, sie seien keine Gewalttäter und von den Maßnahmen nicht betroffen. „Jeder, der Regeln aufstellt und überwacht, wird Gegner haben“, sagte Rettig zum Widerspruch aus Fankreisen. In dem Papier waren unter anderem das strikte Verbot von Pyrotechnik, längere Stadionverbote und genauere Einlasskontrollen vorgeschlagen worden. Gegenüber Gewalttätern forderte Rettig eine klare Abgrenzung: „Diese Chaoten werden mit keinem Konzept der Welt zu beruhigen sein“, er ergänzte: „Das sind Leute, die vorsätzlich Pyrotechnik ins Stadion schmuggeln.“ Von der Politik verlangte der designierte DFL-Geschäftsführer neben Forderungen nach mehr restriktiven Maßnahmen gegen Gewalttäter auch die finanzielle Unterstützung von Präventionsarbeit. „Die DFL hat ihre Mittel schon erhöht“, betonte er, die Politik müsse ebenfalls finanzielle Mittel für vorbeugende Maßnahmen gegen Gewalt bereitstellen. Auch Reinhard Rauball will den Staat stärker in die Pflicht nehmen. „Es ist ein verheerendes Signal der Politik, wenn Kommunen Fanprojekte nicht mehr mitfinanzieren und sich aus der Verantwortung ziehen“, sagte der Präsident des Ligaverbandes der „Bild“-Zeitung (Donnerstagausgabe). Das Sicherheitspapier der DFL hielt Rauball ebenfalls für diskussionsfähig, betonte aber auch: „Gewalt, Pyrotechnik und Rassismus wollen wir nicht. Personen, die das nicht akzeptieren, haben in unseren Stadien nichts zu suchen.“ dapd (Vermischtes/Politik)
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Bahr hält neue Regelungen zur Organspende für ausreichend
Berlin (dapd). Trotz rückläufiger Spendebereitschaft hält Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) die neuen Regelungen zur Organspende für ausreichend. Ein „Entscheidungszwang“ wäre dagegen kein guter Weg, sagte Bahr im Interview der Nachrichtenagentur dapd. Mit der jetzt in Kraft tretenden Lösung könnten sich die Menschen „als mündige Bürger aktiv für oder gegen eine Organspende entscheiden“. Am Donnerstag tritt eine Reform des Transplantationsgesetzes in Kraft. Danach sollen alle Bürger ab 16 Jahren regelmäßig befragt werden, ob sie nach ihrem Tod Organe spenden wollen. Zur Antwort verpflichtet ist jedoch niemand. Derzeit warten in Deutschland rund 12.000 Menschen auf ein Organ. Hunderte sterben jährlich, weil sich kein Spender findet. Durch die jüngsten Organspendeskandale ist die Spendebereitschaft noch einmal deutlich zurück gegangen. Im Oktober wurden laut Deutscher Stiftung Organtranplantation lediglich 59 Organe in Deutschland gespendet, gut 40 weniger als sonst üblich. „Spendenbereitschaft seit Anfang 2012 rückläufig“ Einen direkten Zusammenhang zu den Manipulationsskandalen an den Kliniken in Regensburg und Göttingen wollte Bahr im Deutschlandfunk nicht ziehen. „Die Spendenbereitschaft ist seit Anfang des Jahres stagnierend – leider“, sagte Bahr, da seien die Vorfälle in Regensburg und Göttingen noch nicht bekannt gewesen. Bahr sprach sich im dapd-Interview strikt gegen jeden Zwang zur Erhöhung der Zahl von Spenderorganen aus. Es verdiene auch Respekt, „wenn jemand diese Entscheidung aber nicht oder vielleicht noch nicht treffen möchte“, sagte der FDP-Politiker. Im Bundestag sei ausführlich darüber diskutiert worden „und wir haben eine sehr gute Lösung gefunden“. Kassen lassen sich Zeit Die Krankenkassen haben bis November 2013 Zeit, ihre Mitglieder anzuschreiben. Die Techniker Krankenkasse (TK) will allerdings nicht so lange warten. „Die Berichte über mögliche Manipulationen bei einigen Organvergaben haben viele Menschen verständlicherweise verunsichert“, sagte TK-Chef Jens Baas der dapd. „Daher sind wir der Meinung, dass sie gerade jetzt sachliche und ergebnisoffene Informationen brauchen“, betonte er. Die Rund sieben Millionen TK-Versicherte erhalten ab Donnerstag Post mit Informationen zur Organspende und einen Organspendeausweis. Andere Kassen lassen sich dagegen mehr Zeit mit dem Versenden des Materials: So wollen etwa die AOK, die Barmer GEK und die DAK erst Anfang nächsten Jahres damit beginnen. Alle Kassen weisen daraufhin, dass sie auch vorher schon regelmäßig über Organspende informiert hätten und Sorgfalt vor Schnelligkeit walten lassen wollten. Im Deutschlandfunk forderte Bahr die Krankenkassen auf, rasch damit zu beginnen, ihre Versicherten über Organspende zu informieren. Die Verunsicherung könne nicht abgebaut werden, „wenn Krankenkassen jetzt noch länger warten mit dem Anschreiben und der Aufklärung“, betonte Bahr. Täglich sterben drei Menschen, weil es nicht genügend Spender gibt. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind rund 74 Prozent der Deutschen zu einer Organ- und Gewebeentnahme nach ihrem Tod bereit. Allerdings besitzen nur 25 Prozent einen entsprechenden Spenderausweis. TK-Chef: Krankenhäuser sind am Zug Auch TK-Chef Baas sagte im ZDF-„Morgenmagazin“, ein „Entscheidungszwang wäre die falsche Lösung“. Gleichwohl gebe es „noch weitergehende Hebel“, um die Organspendebereitschaft zu erhöhen, insbesondere im Krankenhaus. Bei der Ansprache der Angehörigen potenzieller Organspender gebe es „deutlichen Spielraum“, betonte der TK-Chef. (Informationen der Bundesregierung zu den neuen Organspende-Regeln: http://url.dapd.de/pdo8zd ) dapd (Politik/Politik)
Siemens-Chef Löscher hofft auf weiteres Wachstum in Asien
Neu Delhi (dapd). Siemens-Chef Peter Löscher hat sich überzeugt geäußert, dass das Wirtschaftswachstum in Asien trotz abkühlender Konjunktur weitergeht. „Wachstum ist nicht begrenzt auf Indien und China, die Zukunftsmärkte Indonesien, Malaysia und Vietnam werden auch ihren Teil spielen“, sagte er am Donnerstag in einem Interview der Zeitschrift „APK 2012“, die vor Beginn der Asien-Pazifik-Konferenz (APK) der deutschen Wirtschaft in Neu Delhi veröffentlicht wurde. Löscher ist der Vorsitzende der Konferenz, zu der mehrere hundert deutsche Asien-Manager in Indien erwartet werden. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) kam aus Berlin dazu. „Zwischen jetzt und 2050 wird sich die Bevölkerung Asiens fast verdoppeln“, fügte Löscher hinzu. „Asiens Megastädte und Stadtregionen, die bereits für 80 Prozent der Wirtschaftskraft stehen, werden weiter wachsen.“ Die deutsche Industrie und insbesondere der Mittelstand könnten helfen bei neuen Verkehrskonzepten, energieeffizienten Gebäuden und einer intelligenten Energieversorgung. Asien müsse umgekehrt aber auch noch viel mehr in Deutschland investieren, verlangte Löscher. Im Jahre 2010 seien nur 4,6 Prozent des Bestands an ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland aus Asien gekommen. Die Summe der chinesischen Investitionen habe 2010 nur 775 Millionen Euro in Deutschland betragen, verglichen mit 29 Milliarden Euro an deutschen Direktinvestitionen in China. „Es gibt einen breiten Konsens in der deutschen Industrie, dass Deutschland und Europa offen bleiben müssen für ausländische Investitionen“, sagte Löscher. Einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages zufolge wollen deutsche Industrie-Unternehmen 2012 rund 70 Milliarden Euro im Ausland investieren. Das schaffe dort 300.000 Arbeitsplätze und gleichzeitig rund 50.000 in Deutschland. Dabei visierten 43 Prozent der Firmen China an und 28 Prozent den Rest Asiens. Indien bezeichnete Löscher als „vielversprechenden Markt“. Dies liege an seinem großen Binnenmarkt mit 1,2 Milliarden Menschen, der schnell wachsenden Mittelklasse mit starker Kaufkraft, an hohen Investitionen und einer hohen Sparrate. Die indische Regierung stehe vor „großen Herausforderungen“, um das Land „fit für die Zukunft“ zu machen. „Wir wollen unseren Part spielen in dieser gemeinschaftlichen Anstrengung.“ Das derzeitige Deutschland-Jahr in Indien werde dafür viele neue Ideen aus Kultur, Bildung Wissenschaft und Wirtschaft hervorbringen. dapd (Wirtschaft/Wirtschaft)
Hessen und Bayern kritisieren Länderfinanzausgleich
Berlin (dapd). Hessen und Bayern haben ihre Kritik am Länderfinanzausgleich verstärkt. „Es darf nicht sein, dass Hessen für seinen wirtschaftlichen Erfolg, den die Menschen in unserem Bundesland erarbeiten, bestraft wird“, sagte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) der Zeitung „Die Welt“. „Deshalb halten wir an einer Klage fest, sollte es im System des Länderfinanzausgleichs zu keiner Änderung kommen.“ Laut einer Übersicht des Bundesfinanzministeriums schreiben Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Berlin in den ersten neun Monaten 2012 schwarze Zahlen, während Hessen, Baden-Württemberg und Hamburg im Minus sind. Auch Bayern hat eine positive Bilanz. Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) kritisierte: „Der Finanzausgleich in seiner jetzigen Form bestraft solide Finanz- und Haushaltspolitik.“ Das Prinzip des Finanzausgleichs dürfe keine Dauersubvention sein. (Das Dokument des Bundesfinanzministeriums: http://url.dapd.de/GP7nP8 ) dapd (Politik/Politik)
Rösler unterstützt Marktöffnung Indiens
Neu Delhi (dapd). Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) unterstützt die auf Liberalisierung und Marktöffnung gerichteten Reformen der neuen indischen Regierung. Indien habe „erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten“, bei denen diese Reformen helfen könnten, sagte er am Mittwochabend in Neu-Delhi bei seiner Landung vor einem Indien-Besuch. So wäre es ein richtiger Schritt, wenn der Plan der indischen Regierung umgesetzt würde, dass ausländische Investoren in Zukunft 49 Prozent an Unternehmen halten dürften und nicht bloß 26 Prozent wie derzeit. Allerdings fehle noch die Zustimmung des indischen Parlaments. „Indien ist ein enorm wichtiger Markt“, sagte Rösler. Das Land hat 1,2 Milliarden Einwohner, Deutschland liegt nur auf Platz 8 seiner Handelspartner. Das Wachstum in Indien hat sich 2012 verlangsamt. Zwei riesige Stromausfälle kurz hintereinander hatten jeweils rund 600 Millionen Menschen betroffen. Es gebe im Land einen riesigen Bedarf bei der Infrastruktur, ob es Straßen, Bahnen oder Flughäfen seien, sagte der Minister. Als weiteres Thema wolle er die Korruption ansprechen, fügte Rösler hinzu. Sie sei „ein großes Problem“ im Lande. Er setze sich auch ein für den Abschluss eines EU-Freihandelsabkommens mit Indien. Umstritten seien dabei aber immer noch Importzölle, vor allem für Autos. Die Inder verlangten zwar immer wieder die örtliche Produktion von ausländischen Investoren, aber es fehlten der deutschen Industrie die Fachkräfte im Land. Bei Ausschreibungen für Aufträge solle Indien nicht bloß Großkonzerne aus dem Ausland berücksichtigen, sondern auch den deutschen Mittelstand, verlangte der Minister. Rösler kam nach Neu-Delhi zu der Asien-Pazifik-Konferenz deutscher Manager. Mehrere hundert Verantwortliche aus Wirtschaft und Politik wollten über die wirtschaftlichen Perspektiven für den Kontinent sprechen. Vorsitzender ist der Siemens-Chef Peter Löscher. Erwartet werden aber auch der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Hans-Peter Keitel, Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen, Bosch-Aufsichtsratsvorsitzender Franz Fehrenbach, der Berater Roland Berger und der deutsche Botschafter in Indien, der frühere Kanzlerberater Michael Steiner. dapd (Wirtschaft/Politik)
Kirchliche Appelle für mehr Toleranz und gegenseitigen Respekt
Worms (dapd). In der Wormser Dreifaltigkeitskirche ist am Mittwochabend das Themenjahr „Reformation und Toleranz“ der Lutherdekade eröffnet worden. Der sächsische Landesbischof und stellvertretende Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Jochen Bohl, sagte, die Kirchen seien heute mehr denn je herausgefordert, „interreligiöse Toleranz“ zu üben. Die Gesellschaft erwarte zurecht eine „Vorreiterrolle“ der Religionen mit Blick auf ein „friedliches und gerechtes Miteinander“, sagte er am Reformationstag in Worms. Indes ging der Landesbischof auch selbstkritisch auf die Rolle der reformatorischen Kirchen ein. Diese seien zunächst verfolgt und bedroht gewesen, im Laufe der Geschichte seien aber auch sie selbst zur Verfolgerinnen anderer Überzeugungen geworden, sagte Bohl. „Der Weg zum heutigen Verständnis von Religionsfreiheit war lang und musste teilweise gegen den Widerstand der Kirchen erkämpft werden“, sagte er. Auf der anderen Seite dürfe nicht übersehen werden, dass die Ideale der Aufklärung sich auch aus biblischen Quellen speisten. Bei der Lutherdekade handelt es sich um eine Veranstaltungsreihe, die 2008 begann und auf den 500. Jahrestag des Thesenanschlags von Martin Luther 2017 zielt. An dem Gottesdienst und dem Festakt in Worms nahmen neben Landesbischof Bohl auch EKD-Botschafterin Margot Käßmann, der Mainzer Kardinal Karl Lehmann und Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) sowie Bundesinnenminister Hans Peter Friedrich (CDU) teil. Richtig verstandene Toleranz Der Innenminister warb für Offenheit und Toleranz und sagte, nur wer den Fremden kennenlernen und verstehen wolle, nur wer sich ihm zuwende und sich um ihn bemühe, handle wirklich tolerant. Auf der anderen Seite wies er aber auch auf Grenzen der Toleranz hin, etwa im Fall von Zwangsehen oder wen medizinische Hilfe für Angehörige verweigert wird. Dies dürfe in einer freiheitlich toleranten Gesellschaft nicht geduldet werden. Eine solche Gesellschaft müsse viel mehr das Recht für sich beanspruchen, „die Intoleranz nicht zu tolerieren“, sagte Friedrich. Die Würde des Menschen sei der „Dreh- und Angelpunkt der deutschen Verfassung“. Die Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßmann, betonte in ihrer Predigt, dass der „Gedanke der Freiheit“ für die Kirche der Reformation von „zentraler Bedeutung“ sei. Richtig verstandene Freiheit sei stets auf die Gemeinschaft bezogen. Auch die frühere EKD-Ratsvorsitzende warb für Toleranz. So bedeute Toleranz, „Interesse am anderen, am Gegenüber, etwa an der anderen Religion oder auch am Nicht-Glauben“. Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) sagte in seinem Grußwort, in einer zunehmend konfliktreicher werdenden Welt seien gerade Christen im Umgang untereinander und mit den Menschen anderer Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen aufgefordert, „Beispiele gelebter Toleranz zu geben“. Die Stadt Worms sei als Ort für die Eröffnungsfeier zum Themenjahr „Reformation und Toleranz“ besonders gut geeignet. Dies nicht zuletzt, da bei den Religionsgesprächen der Jahre 1541 und 1557 schon Katholiken und Protestanten in Worms gemeinsam nach einem Konsens in der kirchlichen Lehre gesucht hätten. Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann sagte, Luther sei es wichtig gewesen, dass Glauben sich nicht erzwingen lasse. „Jede Gewalt um des Glaubens willen lehnte er ab“. Indes sei der Reformator auch von der inneren Notwendigkeit „einer uneingeschränkten kirchlichen und glaubensmäßigen Einheitlichkeit“ überzeugt gewesen. Dies habe ihn mit dem „alten“ Denken verbunden. dapd (Politik/Politik)
Das Ende des Einnahme-Booms
Berlin (dapd). Erst der Rekord, dann der Dämpfer: Bund, Länder und Gemeinden dürfen für 2012 mit zusätzlichen Einnahmen rechnen. Die jüngste Steuerschätzung ergibt im Vergleich zur Mai-Prognose ein Plus von 5,8 Milliarden Euro und sagt dem Gesamtstaat erstmals Einnahmen über 600 Milliarden Euro voraus. Für die Folgejahre aber sind keine Mehreinnahmen zu erwarten. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) glaubt trotzdem an einen „nahezu ausgeglichenen Haushalt“ 2013. Politiker aus Koalition und Opposition mahnen zur Ausgabendisziplin. In diesem Jahr nehmen Bund, Länder und Gemeinden der Prognose zufolge zusammen 602,4 Milliarden Euro ein. Das größte Plus von 3,9 Milliarden entfällt auf den Bund, es folgen die Länder mit 2,6 und die Gemeinden mit 0,8 Milliarden. Die Zahlungen an die EU fallen hingegen um 1,4 Milliarden Euro geringer aus als zuvor geschätzt. Bis 2016 steigen die Steuereinnahmen des Gesamtstaates auf 685,9 Milliarden Euro. 2013 fallen sie aber um 200 Millionen Euro geringer aus als im Mai geschätzt. 2014 gibt es ein Plus von 200 Millionen, 2015 ein Minus von 400 Millionen und 2016 sogar ein Minus von 1,3 Milliarden. 2017 werden 706,6 Milliarden Euro an Einnahmen erwartet. Schäuble will Schuldenbremse früher einhalten Schäuble sagte bei der Vorstellung der Zahlen in Berlin, insgesamt bestätige die Prognose, „dass wir auf einem Kurs wachstumsfreundlicher Konsolidierung sind“. Er zeigte sich überzeugt, dass der Bund ab 2016 geltende Schuldenbremse bereits 2013 einhalten kann. Sie erlaubt ein strukturelles Defizit des Bundes von maximal 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukt. „Unsere Finanzen sind gut aufgestellt“, fasste der Minister zusammen. Die haushaltspolitischen Sprecher der Koalitionsfraktionen, Norbert Barthle (CDU) und Otto Fricke (FDP), mahnten zur Ausgabendisziplin. Die Steuerschätzung „eröffnet keinerlei Spielräume für zusätzliche Ausgabenwünsche oder Mindereinnahmen des Bundes“, sagte Barthle. Die Einhaltung der Schuldenbremse bereits 2013 sei nur möglich, wenn es „keine Entscheidungen zulasten des Haushalts“ gebe. Fricke erklärte, es gebe keinen Anlass „zu Jubelstürmen und zum Verteilen von Wohltaten“. Das oberste Gebot sei nun, den eingeschlagenen Konsolidierungsweg fortzusetzen. Poß warnt vor „Wahlgeschenken“ Oppositionsvertreter wählten deutlichere Worte. SPD-Fraktionsvize Joachim Poß sagte, Schwarz-Gelb verhandle trotz eingetrübter Aussichten „über milliardenschwere Wahlgeschenke und milliardenschwere Mehrbelastungen für die öffentlichen Haushalte“. Poß‘ Fraktionskollege und Haushaltsexperte Carsten Schneider beklagte, dass konjunkturelle Mehreinnahmen „nicht einmal vollständig für den Abbau der Neuverschuldung genutzt“ würden. Außerdem treffe Schäuble keine Vorsorge für ein Ende der momentanen Wachstumsphase. Auch die Steuerexpertin der Linksfraktion, Barbara Höll, warnte vor den Folgen, „wenn die Eurokrise und ihre Folgen auch beim deutschen Fiskus voll durchschlagen“. Grünen-Fraktionsvize Kerstin Andreae und Haushaltsexpertin Priska Hinz erklärten: „Ohne neue Einnahmesteigerungen ab 2013 fallen die Handlungsspielräume der Bundesregierung in sich zusammen.“ Steuersenkungen und neue Ausgabenwünsche „wie das unsinnige Betreuungsgeld“ wären angesichts der neuen Steuerschätzung „der steile Weg in die Neuverschuldung“, warnten sie. Kenzler für Soli-Abbau Wirtschaftsvertreter forderten die Bundesregierung auf, schnell Entlastungen zu beschließen. Deutschland komme bisher gut durch die Finanzkrise, sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber. „Die Wachstums- und Konsolidierungserfolge müssen nun durch eine investitionsfreundliche Steuerpolitik verstärkt werden.“ Handwerkspräsident Otto Kenzler verlangte, die sogenannte kalte Progression in der Einkommensteuer müsse endlich abgebaut werden. Dieses Vorhaben war vom Bundesrat zunächst gestoppt worden. Falls es keine Einigung mit den Ländern gebe, müsse die Regierung zum Jahreswechsel den Solidaritätszuschlag senken, verlangte Kenzler. dapd (Politik/Politik)
Pharmafirmen und Kassen wollen Impfstoff-Engpass abwenden
Berlin (dapd). Nach dem Rückruf von Grippeimpfstoffen haben Hersteller und Krankenkassen am Mittwoch Gespräche geführt, um drohende Engpässe abzuwenden. Bei den Treffen in Berlin sei auch über die generelle Versorgung Deutschlands mit Impfstoffen geredet worden, sagte ein Sprecher des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (vfa). Wie die Nachrichtenagentur dapd erfuhr, nahmen Vertreter mehrerer Hersteller in jeweils 30 Minuten dauernden Gesprächen mit Kassenvertretern teil. Sie erörterten die Frage, wie viele Impfstoffdosen sie jeweils liefern können, nachdem die Impfstoffe Begripal und Fluad der Firma Novartis wegen möglicher unerwünschter Nebenwirkungen teilweise zurückgerufen worden waren. Auch zwei Mitarbeiter des für die Medikamentenzulassung zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) nahmen an den Gesprächen teil. Pharmaverband findet Rabattverträge zu unflexibel Unterdessen kritisierte der Pharmaverband vfa die Krankenkassen für ihre Exklusivverträge mit einzelnen Herstellern. Manche Kassen oder Zusammenschlüsse von Kassen schließen mit Pharmaunternehmen Verträge ab, in denen sie sich an bestimmte Impfstoffe binden und dafür einen Preisnachlass erhalten. Solche Verträge seien nicht geeignet für eine gute und flexible Versorgung der Bevölkerung mit Grippeimpfstoffen, erläuterte vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. Weil der Impfstoff jedes Jahr neu zusammengesetzt werde, lege sich kein Produzent einen Vorrat an. Komme es dann zu Schwierigkeiten bei der Herstellungen, verhinderten Verträge den Rückgriff auf andere Präparate. In den vergangenen Wochen hatten Apotheker- und Ärzteverbände über einen Engpass berichtet. Vergangenen Donnerstag waren dann 750.000 Impfstoffdosen von Novartis zurückgerufen worden, zahlreiche waren bereits verabreicht worden. In Bayern, Hamburg und Schleswig-Holstein haben sich die Kassen exklusiv an Novartis gebunden. Besonders dort wurden Befürchtungen vor einem Engpass laut. dapd (Politik/Politik)
Auf dem Arbeitsmarkt von morgen wird es für Unternehmen schwierig
Nürmberg (dapd). Der vielfach beklagte Fachkräftemangel hat möglicherweise größere Dimensionen als bisher angenommen. Zu diesem Schluss kommt eine am Mittwoch in Nürnberg veröffentlichte Gemeinschaftsstudie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und des Bundesinstituts für Berufsbildung. Demnach ist der Fachkräftemangel offenbar nicht nur ein Problem, das Berufe für Akademiker und Hochqualifizierte betrifft. Auch bei Jobs, die mittlere Qualifikationen voraussetzen, könnte es nach Ansicht der Arbeitsmarktforscher ab dem Jahr 2020 „vor allem im mittleren Qualifikationsbereich zu spürbaren Engpässen kommen“, heißt es in der Studie. Für junge Leute, die derzeit noch zur Schule gehen, heißt das: Sie sollten sich bei der Berufswahl noch genau als bisher überlegen, in welcher Branche sie ihre berufliche Zukunft suchen. Denn trotz des generellen Trends zur „Akademisierung“ der Arbeitswelt und rückläufiger Bewerberzahlen infolge des demografischen Wandels, zeigen sich große Unterschiede zwischen den einzelnen Tätigkeitsfeldern. Zwar wird der Studie zufolge die Bedeutung des Dienstleistungssektors für den Stellenmarkt in den nächsten 10 bis 15 Jahren insgesamt weiter zunehmen. Allerdings werde der Bedarf an Arbeitskräften voraussichtlich nicht in allen Dienstleistungsbranchen gleich stark steigen, betonen die Verfasser der Studie. Kaum Engpässe in der Gastronomie So sei zu erwarten, dass in den produktivitätsstarken Dienstleistungsbranchen wie Handel, Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen und Gebrauchsgütern künftig weniger Arbeitsstunden benötigt würden. Auch im Gastronomiebereich seien kaum Engpässe bei den Arbeitskräften zu erwarten. Zu dieser Einschätzung gelangen die Forscher, indem sie – anders als bei anderen einschlägigen Studien – nicht die künftig zu erwartende Zahl von Bewerbern mit den benötigten Stellen vergleichen. Vielmehr berechneten sie das zu erwartende Arbeitsvolumen in Stunden. Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt würden sich demnach aufgrund der genannten Faktoren bis 2030 zwar annähern, prognostizieren die Forscher. Trotzdem werde das Stundenpotenzial auf Arbeitnehmerseite mit rund 60 Milliarden Stunden auch zu diesem Zeitpunkt noch über der dann tatsächlich benötigten Arbeitskraft von 56 Milliarden Stunden liegen. Gute Jobchancen für die Berufseinsteiger von morgen zeichnen demnach vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen ab, zu dem etwa Pflegeberufe oder der Erzieherberuf zählen. Hauptgrund hierfür sei neben der wachsenden Bedeutung der Kinderbetreuung die Alterung der Gesellschaft. Eine Ausbildung in einer dieser Berufsgruppen biete daher „auch auf längere Sicht sehr gute Beschäftigungschancen“, prognostizieren die Arbeitsmarktforscher. Unverändert schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt werden nach ihrer Einschätzung dagegen Geringqualifizierte haben. „Der Bedarf an Tätigkeiten, die keine abgeschlossene Berufsausbildung erfordern, wird weiter sinken“, warnen die Forscher. In Zukunft werde es somit „also noch schwieriger, ohne Abschluss einer beruflichen Ausbildung einen Arbeitsplatz zu finden“. dapd (Wirtschaft/Wirtschaft)
Opel-Mutter GM streicht 2.600 Jobs in Europa
Detroit/Rüsselsheim (dapd). Heimlich, still und leise hat der US-Autokonzern General Motors (GM) im laufenden Jahr mehrere Tausend Arbeitsplätze in Europa abgebaut. GM streiche im laufenden Jahr 2.600 Stellen bei der angeschlagenen Tochter Opel und der Schwestermarke Vauxhall, 2.300 Mitarbeiter hätten das Unternehmen bereits verlassen, teilte der Hersteller am Mittwoch in Rüsselsheim mit. GM hat 38.000 Mitarbeiter in Europa, davon etwa 20.000 in Deutschland. „Dieser Stellenabbau ist durch freiwillige Abfindungs- und Vorruhestandsangebote sowie durch natürliche Fluktuation geschehen“, hieß es in der Erklärung. Opel verbrennt seit Jahren Milliardenbeträge, die US-Mutter GM rechnet mit weiteren Milliardenverlusten mindestens bis „Mitte des Jahrzehnts“. GM bekräftigte auch seine Absicht, das Werk Bochum nach dem Auslaufen des derzeit dort gebauten Familienvans Zafira zu schließen. GM war unter anderem wegen immer höherer Verluste bei Opel der Gewinn eingebrochen. Im dritten Quartal fiel der Nettogewinn um zwölf Prozent auf 1,5 Milliarden Dollar (1,2 Milliarden Euro). GM verlor in den drei Monaten allein eine halbe Milliarde Dollar in Europa, wo die Sanierung des Verlustbringers Opel und Vauxhall nicht vorankommt. Lagerbestände werden zurückgefahren Als Teil der Sparpläne fährt Opel nun seine Lagerbestände beim Unternehmen und seinen Händlern kräftig zurück. Seit Februar wurden sie um 100.000 Fahrzeuge gesenkt. Bis Jahresende sind weitere 20.000 Einheiten weniger geplant. In diesem Jahr werden die Fixkosten voraussichtlich um rund 300 Millionen Dollar gesenkt. Eine Reduktion um weitere 500 Millionen Dollar ist für den Zeitraum 2013 bis 2015 angepeilt, wie es hieß. GM stellt sich aber trotz des Sparkurses auf weitere Jahre der Milliardenverluste bei Opel ein. Erst „Mitte des Jahrzehnts“ rechnet GM mit schwarzen Zahlen bei der Europatochter, wie aus dem am selben Tag in Detroit veröffentlichten Zwischenbericht hervorgeht. 2012 wird Opel 1,5 Milliarden Dollar verbrennen, 2013 nur leicht weniger. „Wir haben noch eine Menge Arbeit zu tun, vor allem in Europa“, erklärte GM-Finanzvorstand Dan Ammann. Aber auch im Kernmarkt Nordamerika ging der Profit auf 1,8 Milliarden Dollar vor Steuern zurück. Der weltweite Umsatz stieg um fast eine Milliarde auf 37,6 Milliarden Dollar. GM ringt zurzeit mit der IG Metall um den Sanierungsplan für Opel. Die Manager wollen das Werk in Bochum schließen und mehrere Tausend Arbeitsplätze abbauen. Opel produzierte im dritten Quartal nur noch 196.000 Autos nach 270.000 im Vorjahresquartal. Opel soll zusammen mit dem französischen Konkurrenten PSA Peugeot Citroën vier Fahrzeugmodelle entwickeln, um damit der Absatzkrise in Europa zu trotzen. Die ersten Autos der Allianz sollen bis Ende 2016 auf den Markt kommen. Es gilt als sicher, dass diese Zusammenarbeit Jobs bei Opel kosten wird. Unterdessen laufen die Verhandlungen zwischen IG Metall und Opel in Rüsselsheim weiter. Presseberichten zufolge geht es auch um Abfindungen für den freiwilligen Verzicht auf Jobs. dapd (Wirtschaft/Wirtschaft)
