Europa steht an einem digitalen Scheideweg. Zu viel Wertschöpfung, zu viele Datenströme und zu viele strategische Abhängigkeiten wandern seit Jahren dorthin, wo die Regeln nicht zwingend unseren entsprechen – in die USA und nach Asien. Das ist längst keine abstrakte Debatte mehr über Cloud-Anbieter oder Social-Media-Plattformen. Es ist eine Standortfrage. Und es ist eine Frage politischer Handlungsfähigkeit.
Digitale Souveränität klingt für manche nach Abschottung. Das Gegenteil ist der Fall. Es geht nicht darum, die Welt auszusperren. Es geht darum, in der Welt nicht erpressbar zu sein – technologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich.
Abhängigkeit ist kein Geschäftsmodell
Wer heute digitale Kernprozesse betreibt, betreibt sie oft auf Infrastrukturen, die außerhalb Europas entwickelt, betrieben und kontrolliert werden. Das betrifft Rechenzentren, Plattformen, Kollaborationssoftware, KI-Dienste und zunehmend auch Datenräume in der Industrie. In der Summe entsteht ein digitales Handelsdefizit: laufende Gebühren und Lizenzkosten verlassen Europa – und mit ihnen Know-how, Marktmacht und Innovationsspielräume.
Das Risiko liegt nicht nur in steigenden Kosten oder Vendor-Lock-in. Es liegt im Kontrollverlust: Wer die Infrastruktur nicht kontrolliert, kontrolliert am Ende auch die Regeln nicht – weder beim Datenschutz, noch bei Sicherheitsstandards, noch bei Transparenz und Fairness im Wettbewerb.
Europas Werte müssen digital stattfinden – nicht nur auf dem Papier
Europa steht für Datenschutz, individuelle Freiheitsrechte, Rechtsstaatlichkeit und faire Märkte. Diese Werte gelten nicht automatisch im digitalen Raum. Sie müssen technisch und organisatorisch verankert werden – in den Plattformen, den Cloud-Stacks, den KI-Modellen und den Datenarchitekturen.
Regulierung ist ein starkes europäisches Instrument. Sie setzt Standards und zwingt globale Player zur Anpassung. Aber Regulierung allein bleibt eine Krücke, wenn die zugrunde liegende Technologie weiterhin woanders entsteht. Wer digitale Souveränität ernst nimmt, muss eigene Alternativen aufbauen – und zwar dort, wo es strategisch relevant ist: Cloud, Datenräume, KI, Identitäten, Security, kritische Softwarekomponenten.
Souveränität ist ein Wachstumsprojekt – kein Selbstzweck
Der wichtigste Punkt wird in der Debatte oft unterschätzt: Digitale Souveränität ist kein moralischer Appell, sondern ein ökonomisches Chancenpaket. Ein funktionsfähiger digitaler Binnenmarkt kann enorme zusätzliche Wertschöpfung mobilisieren – wenn Skalierung nicht an 27 Einzelmärkten und fragmentierten Rahmenbedingungen scheitert.
Jeder Marktanteil, den europäische Anbieter in Cloud, Software, KI oder Infrastruktur gewinnen, stärkt Beschäftigung, Steueraufkommen und Innovationskraft. Und: Er erhöht die Resilienz. Wer Schlüsseltechnologien beherrscht, reagiert schneller auf Lieferkettenprobleme, geopolitische Spannungen und neue Sicherheitslagen.
Gerade Europas Industrie kann hier profitieren: Wenn traditionelle Stärken in Maschinenbau, Produktion, Logistik oder Medizintechnik mit souveränen Daten- und KI-Ökosystemen verknüpft werden, entstehen neue Geschäftsmodelle – von digitalen Services bis zu Plattformen für Wartung, Qualität, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit.
Was jetzt zählt: Handeln statt Jammern
Die eigentliche Frage ist nicht, ob Europa digitale Souveränität braucht. Die Frage ist, ob wir sie konsequent als Gemeinschaftsprojekt umsetzen – Unternehmen und Politik gemeinsam.
Was Unternehmen tun sollten
- Strategische Abhängigkeiten reduzieren: Nicht alles sofort ersetzen, aber gezielt dort umsteuern, wo Lock-ins und Risiken am größten sind.
- Europäische Partnerschaften nutzen: Anbieter, Forschung und Industrie stärker vernetzen – auch über Grenzen hinweg.
- Standards als Qualitätsversprechen begreifen: Datenschutz, Sicherheit, Transparenz können Wettbewerbsvorteile sein, wenn sie produktseitig mitgedacht werden.
- Förderprogramme pragmatisch einsetzen: Nicht als Selbstzweck, sondern als Hebel, um schneller zu skalieren.
Was Politik liefern muss
- Koordinierte Investitionen in Schlüsseltechnologien: Nicht kleinteilig, sondern mit Skalierung im Blick.
- Digitalen Binnenmarkt wirklich vollenden: Harmonisierung, weniger Fragmentierung, schnellere Marktzugänge.
- Öffentliche Beschaffung als Hebel einsetzen: Wo möglich, europäische Lösungen priorisieren – insbesondere in sensiblen Bereichen.
- Fachkräftebasis stärken: Ausbildung, Weiterbildung, Zuwanderung – ohne genügend Köpfe bleibt jede Strategie Papier.
Fazit
Digitale Souveränität ist Europas Chance, wirtschaftliche Stärke und Werteorientierung zusammenzubringen. Sie macht uns nicht kleiner, sondern handlungsfähiger. Sie hält Wertschöpfung im Markt, schafft Resilienz – und eröffnet neues Wachstum.
Die Chance ist da. Jetzt braucht es weniger Debatte über Zuständigkeiten – und mehr Umsetzung mit Tempo.
Unternehmenslink: https://www.werning.com/
Thomas Werning ist seit über 25 Jahren im Bereich Datenschutz, Internetmarketing und Digitalisierung aktiv. Er ist Geschäftsführer der werning.com GmbH und der MoeWe Datenschutz GmbH. Zudem ist er Gründungsmitglied des UGSDM e.V. sowie Vorstandsmitglied im Fachverband externe Datenschutzbeauftragte (FED e.V.).
