Auch virtuelle Realität ist Realität: Patricia Stolz mit einem VR-Betrachtungsgerät. (Foto: P. Pollmeier/HSBI)
Auch virtuelle Realität ist Realität: Patricia Stolz mit einem VR-Betrachtungsgerät. (Foto: P. Pollmeier/HSBI)

Professorin ermuntert HSBI-Gestaltungsstudierende, KI-Tools zu nutzen

Bielefeld – Reisen, Rollentausch, dort arbeiten, wo gerade WiFi ist – Patricia Stolz nutzt ihr Forschungssemester, um andere Perspektiven einzunehmen. Im Fokus der Professorin für Interaction Design des Fachbereichs Gestaltung der HSBI: Künstliche Intelligenz (KI). Als Herausforderung für Studierende und Lehrende – und als Tool, mit dem wir neue Formen der Gestaltung schaffen können.

Allein unter Informatikern – bei manchen Kreativen weckt diese Vorstellung Fluchtgedanken. Patricia Stolz dagegen hat gestaunt. „Ich war keine sehr typische Vortragende“, sagt die Gestaltungs-Professorin der Hochschule Bielefeld (HSBI) über ihre Teilnahme an der 45th Conference on Software Engineering in Melbourne. „Aber auch für mich war es interessant zu sehen, wie nachdrücklich die Themen Künstliche Intelligenz, Gender oder Inklusion jetzt auch in dieser Branche aufschlagen. Und als Interaction-Designerin habe ich ohnehin viele Schnittmengen mit dem technischen Bereich.“

Die Flexibilität eines Forschungssemesters: Vortrag halten und dann zum Surfen an den Strand
Stolz war nach Australien gereist, um stellvertretend für ihr interdisziplinäres Team aus Professorinnen und Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeitenden und Hilfskräften aus der Gestaltung, der Informatik und dem Sozialwesen das HSBI-Projekt PAGAnInI vorzustellen. Der Name steht für „Personalized Augmented Guidance for the Autonomy of People with Intellectual Impairments“. Es ist also ein System, das Menschen mit kognitiven Einschränkungen dabei hilft, ihre täglichen Wege im öffentlichen Raum selbstständiger und sicherer zu bewältigen, und zwar mithilfe einer computergestützten Erweiterung der Realitätswahrnehmung ortsbezogener visueller Hinweise. „Dazu gehört eine Mobile App, die als Prototyp bereits im Einsatz ist“, erklärt Stolz. „Ich habe momentan mehr Zeit, mir vor Ort anzusehen, wie diese Menschen die App nutzen, was sie verstehen und was nicht.“ Und sie hat auch Zeit, ans andere Ende der Welt zu fliegen, das Projekt zu präsentieren und dann zum Surfen an den Strand zu fahren.

Patricia Stolz macht derzeit ein Forschungssemester. „Das kann ich jedem empfehlen“, sagt sie. „Ich genieße diese Flexibilität, dass ich viel mobil an meinem Thema arbeiten kann. So konnte ich mir auch etliche thematisch passende Ausstellungen ansehen.“ Das Forschungssemester sorge für eine angenehme Distanz zum Lehralltag. „Man widmet sich eine Zeit lang wieder mehr den wichtigen Dingen und nicht den dringenden“, sagt Stolz. „Das ist sehr schön, weil man dadurch wieder ein paar Prioritäten geraderückt. Man kann auch die Familie besser teilhaben lassen an dem, worüber man nachdenkt und was man so macht. Man ist präsenter in manchen Momenten.“

Fictional Design oder der Mut, sich die Dinge so zu wünschen, wie sie wirklich sein müssten
Gelegentlich kommt Patricia Stolz dennoch in den Fachbereich. Und denkt: „Das ist ja eigenartig hier.“ Das regt zur Reflexion über die eigene Rolle an.  Dann staunt sie weiter. Weil sie sich wieder mit ihrem Forschungsthema Künstliche Intelligenz (KI) beschäftigt und alle Nase lang vollkommen Neues entdeckt.  „Vieles von dem, was derzeit möglich wird, erschien bis vor Kurzem noch wie Science-Fiction“, erzählt sie. „Man sieht oder liest fast jede Woche etwas, wo man denkt: Das kann doch nicht wahr sein!“ Es sei wie bei Kindern, die fantastische Ideen haben, was es alles geben könnte. „In meinen Seminaren arbeite ich viel mit Fictional Design zur Entwicklung von Innovationen. Man braucht dafür aber diesen Mut, sich die Dinge so zu wünschen, wie sie wirklich sein müssten.“

Zukünftige KI-Anwendungen sind so naheliegend, wie schwer vorherzusagen
Momentan entstehen Bildgeneratoren mit intuitiv nutzbarem Interface, die statische Bilder zum Leben erwecken „Beispielsweise das Foto eines Elefanten“, erzählt sie. „Und mit Ihrem Cursor können Sie dann seine Beine bewegen. Weil die KI nicht nur weiß, wie ein Elefant aussieht, sondern auch, wie er funktioniert.“ Das, findet Patricia Stolz, ist eine naheliegende Entwicklung. „Auch wenn sich nun Mimik in Fotografien on-the-fly verändern lässt, ist das beeindruckend, aber natürlich auch problematisch.“ Man erkennt daran, wieviel Potenzial noch in KI steckt, so Stolz. Und dass die Konsequenzen für die Arbeitswelt immens sein werden, im Positiven wie im Negativen.

Studierende sollen KI-Tools nutzen, die Frage lautet: Was ist kreative Eigenleistung und welchen Anteil hat die KI?
Für Designerinnen und Designer markiert KI bereits heute einen radikalen Umbruch. Die Software stellt bald keine Hürde mehr dar. „Früher musste man sehr viel über Bildbearbeitungsprogramme wissen, um sie sinnvoll anwenden zu können“, sagt Stolz. „Inzwischen funktionieren sie mit einem Prompt in natürlicher Sprache. Und verkürzen Arbeitsprozesse, für die wir Stunden und Tage gebraucht haben.“ Gestalterinnen werden zu Kuratoren, die zwischen verschiedensten computergenerierten Optionen auswählen können. Die Mühsal des händischen Erstellens wird durch einen Co-Piloten inspiriert, unterstützt oder übernommen. „Dafür ist etwas anderes umso mehr gefragt“, so Stolz: „Ein Standpunkt!“

Oberflächlicher Umgang mit Generatoren führt oft zu trivialen, unpassenden und stereotypen Ergebnissen. „Gute Gestaltung entsteht nach wie vor durch ein klares Ziel, viel Reflexion und eine treffende Idee“, warnt die Professorin. „Die spannenden Fragen für die Kreativbranche werden sein: Was ist in Zukunft unsere Leistung? Wie beherrscht man Tools, die so gut mitdenken? Was tun wir mit diesem Feuerwerk der Möglichkeiten, sodass am Ende etwas herauskommt, das nicht nur schön ist, sondern auch wirklich innovativ, nützlich und ethisch akzeptabel.“

Barrieren abbauen, KI als Gestaltungschance: Für Studierende bricht eine völlig neue Zeit an

Gestaltungsstudierende reagieren sehr unterschiedlich auf die rasante Entwicklung in ihren Disziplinen. „Einige sind bei allen Neuerungen sofort dabei“, sagt Patricia Stolz. „Andere haben große Bedenken und Ängste, weil sie fürchten, dass ihr individueller Stil da draußen im Erwerbsleben nicht mehr gefragt ist.“ Darum möchte die Professorin ab dem nächsten Semester in ihren Veranstaltungen KI-Tools gezielt enttabuisieren. So soll bereits in der Konzeptionsphase von Designvorhaben ChatGPT  genutzt werden, um Ideen und Textoptionen schneller und strukturierter produzieren zu können. „Bei KI-gestützten Bilderbearbeitungsprogrammen wird Midjourney inzwischen recht häufig verwendet, während Stable Diffusion, ein komplexeres Programm, vielen Studierenden noch zu schwer zugänglich ist“, so Stolz. Ziel sei es, all diese neuen Tools als Co-Piloten zu betrachten.

Diese Paradigmenwechsel betreffen nicht nur die Text- und Bildgestaltung, sondern auch zum Beispiel Modedesign, Architektur und nicht zuletzt die Informatik selbst, denn niemand schreibt schneller Codes als die KI. „In dieser Umbruchphase ist es wichtig, dass wir als Lehrende jetzt wirklich Lernende sind, um die Neuerungen zu verstehen“, betont Patricia Stolz. Entsprechend nutzt sie ihr Forschungssemester, um an anderen Designhochschulen Seminare zu besuchen, etwa in Mainz, Offenbach, Schwäbisch Gmünd, Köln oder Trier. Diese fünf haben das Verbundprojekt KITeGG gegründet, das KI fest in die Gestaltungslehre integriert.

Lernobjekt Schlagzeug: Man kriegt nicht einmal drei Sachen gleichzeitig hin
Auch ihr Schlagzeuglehrer verhilft Patricia Stolz zu einem frischen Blick aufs Thema Didaktik. „Er macht bewusst kleine Schritte mit mir“, sagt sie. „Wenn man Instrumente als Erwachsener beginnt, lernt man anders. Sehr kopfgesteuert, aber auch sehr interessiert am Detail. Dass es Begeisterung und Geduld braucht und man täglich üben muss, weil es sonst nichts wird. Wenn man merkt, dass man nicht alles gleich im Griff hat, ist das amüsant, aber auch ganz heilsam. Und dass man als Schlagzeuganfängerin nicht einmal drei Sachen gleichzeitig hinkriegt, war für mich ein Aha-Erlebnis.“ Kleine Schritte zu gehen – das ist also auch beim Thema „Integration von KI in die Lehre“ eine gute Idee.

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