Dr. Juana Salas Poblete leitet seit Januar 2022 das Sprachenzentrum an der FH Bielefeld. (Foto: N. Schnathmann/FH Bielefeld)
Dr. Juana Salas Poblete leitet seit Januar 2022 das Sprachenzentrum an der FH Bielefeld. (Foto: N. Schnathmann/FH Bielefeld)

Geflüchtete Studierende aus der Ukraine können an der FH Bielefeld im Wintersemester weiter Sprachkurse und Seminare besuchen

Die FH Bielefeld hat Bandbreite und Anzahl ihrer Sprachkurse massiv ausgebaut. Davon profitieren insbesondere geflüchtete Studierende aus der Ukraine, die bereits im vergangenen Sommersemester in maßgeschneiderten „Study on, Ukraine!“-Angeboten große Lernerfolge erzielen konnten und im anstehenden Wintersemester weiter englischsprachige Lehrveranstaltungen belegen können. Einblicke von Dr. Juana Salas Poblete, Leiterin des Sprachenzentrums an der FH.

Bielefeld (fhb) – Sie konjugieren deutsche Verben und lernen Vokabeln. Sie schreiben Kurztexte und üben Gespräche des Alltags. Und legen dabei ein Lerntempo vor, das ihresgleichen sucht. Seit Anfang Mai haben 53 geflüchtete Studierende aus der Ukraine an Deutschkursen der Fachhochschule (FH) Bielefeld teilgenommen. Ein großer Teil von ihnen stammt aus Drittstaaten wie Nigeria und studierte vor Kriegsausbruch an einer Hochschule in der Ukraine. Die Kurse sind ein erster Schritt in der Vorbereitung auf die anspruchsvolle Sprachprüfung „telc C1 Hochschule“, die Voraussetzung für den Zugang zu einem Hochschulstudium in Deutschland ist.

Anzahl der Deutschkurse an der FH mehr als verdoppelt

Bislang gab es an der FH lediglich Kurse auf den Niveaustufen B2 (selbstständiger Sprachgebrauch) und C1 (fortgeschrittene Sprachkenntnisse). „Die geflüchteten Studierenden aus der Ukraine hatten bei ihrer Ankunft in Deutschland jedoch in der Regel keine Vorkenntnisse der deutschen Sprache“, berichtet Dr. Juana Salas Poblete, Leiterin des Sprachenzentrums an der FH. „Mit dem Wissen, dass unser Kursangebot für diese Zielgruppe nicht funktionieren würde, kam der Gedanke auf, unsere Bandbreite auszuweiten von A1 bis C1, und das ist bei den Geflüchteten auf extrem fruchtbaren Boden gestoßen.“ Zum Verständnis: Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER) klassifiziert Sprachkompetenzen in sechs Niveaustufen von A1 (Anfängerin oder Anfänger) bis C2 (muttersprachliche oder vergleichbare Kenntnisse).

Nach den erfolgreichen Sprachkursen des vergangenen Semesters startete nun die Anmeldephase für die in ihrer Anzahl mehr als verdoppelten Deutschkurse des Wintersemesters. Am 9. September beginnen die Kurse. Bereits über 100 Anmeldungen für die mittlerweile 125 Kursplätze sind eingegangen, davon 46 Bewerbungen von geflüchteten Studierenden aus der Ukraine, die bereits im vergangenen Semester teilgenommen haben.

Auch die Teilnahme an ausgewählten Lehrveranstaltungen wird im Wintersemester fortgesetzt

Das ausgebaute Sprachkursangebot war Teil des fachübergreifenden Studienprogramms „Study On, Ukraine!“, das ebenfalls im vergangenen Sommersemester startete. Neben dem intensiven Deutschunterricht enthielt das Programm auch englischsprachige Lehrveranstaltungen aus allen Fachbereichen, die größtenteils in Präsenz angeboten wurden. Die geflüchteten Studierenden konnten dabei aus über 30 Kursen wählen – von Wirtschaft über Sozialwissenschaften bis Gesundheit, von Informatik bis Gestaltung. Für die Teilnahme gab es Credit Points, sodass die erbrachten Leistungen auch an anderen Hochschulen anerkannt werden. „Uns war von Anfang wichtig, dass wir allen, die bei uns ankommen, ein attraktives Angebot machen“, so Juana Salas, die neben dem Sprachenzentrum an der FH auch das Projekt „Digital Mobil@FH Bielefeld“ leitet, das Digitalisierungs- und Internationalisierungsprozesse der Hochschullehre fördert. Im kommenden Wintersemester nun werden die geflüchteten Studierenden aus der Ukraine in die Regelprozesse der Hochschule integriert und erhalten so weiterhin die Möglichkeit, an ausgewählten Lehrveranstaltungen teilzunehmen.

Rasantes Lerntempo der geflüchteten Studierenden aus der Ukraine

Bevor Mitte Mai das „Study On, Ukraine!“-Semester offiziell startete, wurden die geflüchteten Studierenden zunächst einzeln und auf ihre möglichen Deutschkenntnisse hin gesichtet. Daraufhin wurden zwei Intensivkurse auf dem Sprachniveau A1 eingerichtet: ein Anfängerkurs am Vormittag für alle Studierenden ohne Grundkenntnisse, die sozusagen „bei Null“ anfangen, und ein Nachmittagskurs für diejenigen, die im Vorgespräch erste Vorkenntnisse zeigten. Der Deutschunterricht fand dann von montags bis freitags in vier aufeinanderfolgenden Stunden statt.

„Um die Sprachstufe B1 zu erreichen, benötigen Sprachlernende in der Regel ein gutes halbes Jahr“, weiß Salas. „Was man eigentlich nach einem halben Jahr schafft, erreichten manche unserer Studierende aber in zwei bis drei Monaten. Das war total beeindruckend!“ Alle Studierenden legten vor Kurzem ihre Sprachprüfungen erfolgreich ab: Annähernd die Hälfte hat dabei ein Level übersprungen, ein Drittel hat sogar das Level B1 gemeistert und startet nun mit B2!

Landeskunde war fester Bestandteil von „Study on, Ukraine!“

Bemerkbar machte sich der rasante Spracherwerb auch an anderer Stelle: Zum Programm „Study on, Ukraine!“ zählte, dass gleichaltrige deutsche Tutorinnen und Tutoren im Rahmen eines landeskundlichen Angebots jeden Mittwoch etwas Schönes mit den geflüchteten Studierenden in Bielefeld unternahmen und ihnen so das Studentenleben außerhalb des Campus näherbrachten: Eis essen gehen, den Tierpark Olderdissen besuchen oder gemeinsam deutsche Freunde treffen. Am Anfang wurde bei diesen Treffen nur Englisch gesprochen. Mittlerweile unterhalten sich die Teilnehmerinnen und -teilnehmer fast ausschließlich auf Deutsch.

Wertvolle Lerninhalte trotz ungewisser Studienperspektive

Die meisten Studierenden wissen noch nicht, wie es in den kommenden Monaten und Jahren für sie weitergeht. Manche möchten hierbleiben, andere denken über eine Rückkehr in die Ukraine nach. Ein Großteil möchte auf jeden Fall den Spracherwerb fortsetzen. Ob es eine realistische Perspektive ist, das Studium in der Ukraine schon bald wiederaufzunehmen, daran bestehen angesichts der Zerstörungen und der andauernden Gewalt Zweifel. „Mit den Deutschkursen bereiten wir in erster Linie auf ein Studium in Deutschland vor“, so Juana Salas. „Wenn die Studierenden allerdings doch zurückkehren oder in ein anderes Land gehen, ist das bei uns Erlernte auch in anderen Zusammenhängen wertvoll. Außerdem wird durch die Teilnahme am Welcome-Semester verhindert, dass eine Lücke im Lebenslauf entsteht.“

Geflüchtete Studierende sind extrem motiviert

Viele der Studierenden haben angesichts ihrer derzeitigen Situation das Bedürfnis, etwas tun und verändern zu wollen: „In unseren Deutschkursen stellen sie dann oft fest, dass schnelle Fortschritte möglich sind, was wiederum motiviert“, berichtet die promovierte Sprachwissenschaftlerin Salas. „Wir beobachten, dass die Geflüchteten wollen. Sie bemühen sich, sie arbeiten, und sie machen. Und das führt bei uns im Team wiederum zu einem besonderen Gefühl der Verantwortung, ein wirklich passendes und vielfältiges Angebot zu entwickeln, für das sich sehr viele Menschen hier an der Hochschule eingesetzt haben.“

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WIR Redaktion

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