Zeichnungen voller Normalität inmitten des Abnormalen

Zeichnungen voller Normalität inmitten des Abnormalen Nordhausen (dapd-nrd). Trügen die Gezeichneten keine Häftlingskleidung – viele der Porträts könnten unter ganz „normalen“ Umständen entstanden sein. Porträtierte lächeln, keine Spur von schweren Misshandlungen und Mangelernährung. Einer hat sogar eine Pfeife im Mund. Doch die Bilder zeigen KZ-Häftlinge des ehemaligen Buchenwald-Außenlagers Holzen in Niedersachsen. Gezeichnet hat sie 1944 und 1945 der inhaftierte französische Widerstandskämpfer Camille Delètang. Der Fund dieser Zeichnungen, die am Freitag in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, einem anderen Außenlager Buchenwalds, vorgestellt wurden, ist eine Sensation – eben auch, weil sie bei all dem Schrecken der Lager so etwas wie Normalität vermitteln. Insgesamt 130 Porträts gehören zu dem präsentierten Konvolut. Dazu kommen noch einmal etwa 20 Skizzen, die Szenen aus dem Lageralltag zeigen. „Einen so dichten, umfangreichen und qualitativ hochwertigen Bestand haben wir bislang noch nie übergeben bekommen“, sagt der Leiter der Gedenkstätte Jens-Christian Wagner. Auch sonst spart er nicht mit Superlativen: als „eine internationale Sensation“, „eine Perle“ bezeichnet er die Sammlung. Von unschätzbarem Wert sei auch deren zweiter Teil: ein Tagebuch und Aufzeichnungen des in Holzen inhaftierten französischen Arztes Armand Roux, der als Funktionshäftling dem Krankenbau der Häftlinge vorstand und die Zeichnungen Delètangs am Ende verwahrte. Aus Sicht der Historiker sind die Zeichnungen und sonstigen Unterlagen vor allem aus zwei Gründen so wertvoll. Zum einen, sagt Wagner, weil sie etwas über das Lager Holzen erzählten, das in der aktuellen Erinnerungslandschaft nur eine lokale Bedeutung habe. Zum anderen, weil die Art der Darstellung der Häftlinge auf diesen Zeichnungen „viel mit kultureller Selbstbehauptung“ zu habe. Dass sich ein KZ-Häftling mit einer Pfeife zeichnen lasse, die er nicht besitzen dürfen und vielleicht auch gar nicht gehabt habe, sei auch „eine gedankliche Flucht aus dem Lageralltag“. Gerade weil zahlreiche – wenn auch nicht alle – Bildnisse Normalität in Zeiten des Abnormalen, der Entrechtung und der Gewaltherrschaft zeigen, geben sie einen Eindruck davon, wie sich Häftlinge in solchen Situationen als Menschen zu behaupten versuchten, fasst Wagner zusammen. Jenseits des Historischen sind es zudem ganz menschliche Dinge, die den Fund so wichtig werden lassen. So habe Delètang in einer Skizze die Positionen verstorbener Insassen in einem Massengrab dokumentiert. „Damit können wir diesen Menschen das wiedergeben, was die SS ihnen gestohlen hatte – ihre Identität“, sagt Wagner. Und: Gerade das Tagebuch von Roux sei – anders als viele ähnliche Aufzeichnungen – von einem so hohen literarischen Wert, dass es sogar ihn, der stets um eine professionelle Distanz zum KZ-Geschehen bemüht sei, außerordentlich tief berührt habe. Ein weiter Weg von Holzen bis ins nahe Nordhausen Der Weg, den das Konvolut hinter sich hat, ist lang – obwohl Holzen und Mittelbau-Dora nur gut 100 Kilometer voneinander entfernt liegen. Er spiegelt die Wirren letzten Kriegstage und der Nachkriegszeit. Die Geschichte seiner „Entdeckung“ ist somit auch ein Stück deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeschichte. Wagner erzählt, Delètang habe die Zeichnungen an Roux gegeben, als er glaubte, die Räumung des Lagers Holzen im Frühjahr 1945 nicht zu überleben. Roux habe sie zu seinen persönlichen Sachen genommen, die ihm dann im Durcheinander eines amerikanischen Luftangriffs auf den Räumungstransport von einem Mithäftling gestohlen worden seien. Doch dieser sei auf der Suche nach etwas Essbarem und nicht nach Zeichnungen gewesen und habe die Sammlung wieder weggeworfen. So sei sie zur Schwiegermutter des heute 91-Jährigen gekommen, der sie vor kurzem nun der Gedenkstätte übergab. Lange Zeit hätte er sich schon vorgenommen, das zu tun; und es dann doch nicht getan. „Bis jetzt, da er weiß, dass er nicht mehr lange leben wird“, sagt Wagner. Eben weil der Fund so bedeutsam ist, soll er nun zunächst in der Gedenkstätte Mittelbau-Dora weiter erforscht und ausgestellt werden, ehe er auf eine Wanderausstellung durch die Bundesrepublik, Frankreich und Polen geht. Aus diesen beiden Nachbarländern kommen viele von den Menschen, die Delètang inmitten des Grauens so normal gezeichnet hat. dapd (Politik/Politik)

Veröffentlicht von

Peer-Michael Preß

Die Themenschwerpunkte des Autors sind B2B-Marketing, Medien und Kommunikationsstrategien und deren Umsetzung in der Praxis.

Seitb 20 Jahren ist er geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens Press Medien GmbH & Co. KG mit den Tätigkeitsbereichen Buch- und Zeitschriftenverlag, Druckerei und Medienagentur.

Er absolvierte die Ausbildung zum Verlagskaufmann in der Gundlach Gruppe, Bielefeld, und schloss erfolgreich ein Studium zum Betriebswirt mit Abschlussarbeit im Bereich Marketing zum Thema „E-Commerce in der graphischen Industrie“ ab.

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