Kein Speiseeis ohne Italiener

Heidenau (dapd-lsc). Roman Herzog hat sich weit nach vorn gebeugt, um die vielen jungen Menschen im Saal anzusprechen. Er erzählt aus seinem Leben, neben den großen politischen Sternstunden auch ganz persönliche Anekdoten. Der frühere Bundespräsident ist nach Sachsen gekommen, um mit den Schülern eines Gymnasiums bei Dresden über Integration zu sprechen. Das Treffen mit Herzog soll Höhepunkt des Schülerprojektes „Begegnungen wagen – Zukunft gestalten 2012“ sein. In der kleinen Aula des Pestalozzi-Gymnasiums in Heidenau sind viele Stühle unbesetzt geblieben.

Neben den offiziellen Gästen sind wenige interessierte Schüler gekommen – einige wirken gelangweilt oder tuscheln. Ein äußerst engagierter Schülersprecher befragt Herzog. Er will Antworten auf die zentrale Frage seines Schülerprojektes zur Integration: Wie werden wir in Zukunft leben? Toleranz habe für ihn schon immer eine besonders wichtige Rolle gespielt, betont der Altbundespräsident zu Beginn des Gesprächs. Er erzählt von seiner Kindheit als Sohn eines katholischen Vaters und einer evangelischen Mutter: „Daraus habe ich gelernt, dass man zu den verschiedensten Fragen unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem friedlich miteinander leben kann.“ Wenn Menschen verschiedener Herkunft vernünftig in Deutschland miteinander leben könnten, dann sei das Integration, sagt Herzog. Für ein friedliches Zusammenleben müssten nicht alle Menschen gleich sein. „Deutsch ist eine schwer zu erlernende Sprache. Das Problem können wir auch nicht kleinreden, indem wir so tun, als könnten wir Englisch sprechen“, sagt Herzog und trifft damit den Nerv des Publikums. Die Zuhörer fühlen sich vielleicht an ihre eigene wacklige Annäherung an eine fremde Sprache erinnert und kichern nervös. Man müsse Fremdheit als Bereicherung wahrnehmen, appelliert der 78-Jährige an die Schüler und gibt ein banales Beispiel: „Was glauben Sie, was wir für ein Speiseeis hätten, wenn nicht die Italiener zu uns gekommen wären.“ Migration sei kein neues Phänomen, aber eine zunehmende Herausforderung, die der demografische Wandel mit sich bringe, sagt der zwischen 1994 und 1999 amtierende Bundespräsident und fordert mehr Vernunft und Verständnis von beiden Seiten. Vor 15 Jahren hatte Herzog in seiner Berliner Rede ein Umdenken in der Gesellschaft gefordert. Er erregte viel Aufsehen mit den Worten: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.“ Damals habe es noch klare politische Lager und Positionen gegeben. Doch die Fragen seien komplizierter geworden, man könne sich nicht mehr so einfach wie früher für oder gegen etwas entscheiden, sagt er. Und so fällt es auch Roman Herzog schwer, klare Antworten auf Fragen zur Integration von Zuwanderern zu finden – dem ursprünglichen Hauptthema der Veranstaltung. Stattdessen wirbt er für ein vernünftiges Miteinander und fordert die Schüler aus dem sächsischen Heidenau auf: „Lassen Sie mich nicht im Stich!“

Veröffentlicht von

Peer-Michael Preß

Die Themenschwerpunkte des Autors sind B2B-Marketing, Medien und Kommunikationsstrategien und deren Umsetzung in der Praxis.

Seitb 20 Jahren ist er geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens Press Medien GmbH & Co. KG mit den Tätigkeitsbereichen Buch- und Zeitschriftenverlag, Druckerei und Medienagentur.

Er absolvierte die Ausbildung zum Verlagskaufmann in der Gundlach Gruppe, Bielefeld, und schloss erfolgreich ein Studium zum Betriebswirt mit Abschlussarbeit im Bereich Marketing zum Thema „E-Commerce in der graphischen Industrie“ ab.

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