Herz, Schmerz und Machtkämpfe

Berlin (dapd-nrw). Das Tor der Tiefgarage im Konrad-Adenauer-Haus kennt keine Gnade. Am liebsten würde Norbert Röttgen an diesem Morgen ungesehen in die Berliner CDU-Zentrale hineinfahren. Doch das Tor öffnet sich quälend langsam, die Kameraleute können ausgiebig in den Wagen hinein filmen. Vor der Präsidiumssitzung meidet der krachend gescheiterte Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen jedes Mikrofon.

Auch sonst eilt fast jeder Spitzenpolitiker vorbei, etwa Bundestagspräsident Norbert Lammert oder EU-Kommissar Günther Oettinger. Nur Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht gratuliert „ihrer Kollegin Ministerpräsidentin“, SPD-Wahlsiegerin Hannelore Kraft. Und sie macht „ein paar Defizite“ im Wahlkampf der CDU aus.

Doch dann kommt noch Peter Altmaier. Er lehnt sein Fahrrad an einen Baum, dann wendet er sich den Journalisten zu: „Heute ist ein Tag, an dem die Sonne scheint und es bei uns im Herzen eher trübe aussieht – manchmal wünscht man sich, es wäre umgekehrt.“ Der Unionsfraktionsgeschäftsführer räumt eine der „schwersten Niederlagen in der Geschichte der CDU in Deutschland“ ein.

Eine müde Kraft lässt sich im Willy-Brandt-Haus bejubeln
Um 9.50 Uhr kommt im Willy-Brandt-Haus Jubel auf. Die Mitarbeiter der SPD-Zentrale applaudieren, als NRW-Wahlsiegerin Hannelore Kraft gemeinsam mit Parteichef Sigmar Gabriel, dem Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier und anderen führenden Sozialdemokraten zu ihnen ins Foyer kommt. Auch eine Besuchergruppe junger Genossen aus Geldern am Niederrhein klatscht begeistert mit. Es gibt Blumen für Kraft.

„Das ist nur ein schmaler Ausblick auf den Jubel der deutschen Sozialdemokratie über das gestrige Wahlergebnis“, sagt Gabriel in einer für seine Verhältnisse kurzen Ansprache. „Leidenschaft und Herz. Niemand hat so viel wie du gezeigt“, lobt er Kraft, die nach einer langen Wahlnacht etwas müde neben ihm auf dem Podium steht.

Die Wahlsiegerin, die nach ihrem Triumph endgültig ins Machtzentrum der Partei gerückt ist, hat für Gabriel und die Bundes-SPD ein einfaches Erfolgsrezept parat: „Nicht zu viel versprechen, aber das, was wir versprechen, das werden wir auch halten. Das ist die Verlässlichkeit der Sozialdemokratie in Deutschland“, sagt Kraft vor der purpurnen Wand und grüßt noch rasch die jungen Leute aus Geldern.

Lindner und Kubicki klopfen sich auf die Schultern

Christian Lindner kommt verspätet zur Präsidiumssitzung ins Thomas-Dehler-Haus, die Berliner FDP-Parteizentrale. Ein kurzes Statement vor den Kameras, dann läuft der FDP-Spitzenkandidat rasch rüber zu Wolfgang Kubicki. „Wolfgang, schön dich zu sehen!“, sagt Lindner und umarmt den Parteifreund, der offenkundig auf ihn gewartet hat. Die FDP war in NRW überraschend gut – der Nordrhein-Westfale und der Schleswig-Holsteiner klopfen sich gegenseitig auf die Schultern. Ein paar Stockwerke höher sitzt Parteichef Philipp Rösler und will die Sitzung endlich einläuten.

Statt gemobbt wird heute bei den Liberalen nur gestichelt. Nach der Sitzung, um kurz nach 13.00 Uhr, macht Rösler seinem Verdruss über die betont selbstbewusst auftrumpfenden Wahlsieger Luft. Ins Visier nimmt er den knorrigen Kubicki, der vergangenen Montag nach seinem Wahlsieg demonstrativ nicht nach Berlin kam, weil er in Kiel „seinen Rausch ausschlafen“ musste, wie er ausrichten ließ. „Topfit stehen wir hier alle auf der Bühne“, begrüßt Rösler die geladenen Journalisten.

Doch auch Lindner hat sich einen Witz zurechtgelegt. Genau fünf Monate zuvor, bei seinem überraschenden Abgang als Generalsekretär, hatte sich der 33-Jährige mit einem vielsagenden „Auf Wiedersehen“ von der Berliner Bühne verabschiedet. Heute, am Tag seiner triumphalen Rückkehr, ruft er laut ein einfaches „Tschüss“ vom Podium. Ein Abgang unter Gelächter.

Ein Taxifahrer gibt Claudia Roth Ratschläge
Die gute Laune der Grünen ist auch am Tag nach der Wahl ungebrochen. Schon früh am Morgen fährt Claudia Roth mit dem Taxi zur Berliner Parteizentrale. „Das war ein netter Taxifahrer“, sagt die Grünen-Chefin bei der Ankunft. Der gute Mann habe ihr den Rat gegeben: „Sonnen Sie sich in Ihrem Erfolg.“ Und an Ratschläge von Taxifahrern halte sie sich strikt, scherzt Roth. Die Grünen sind zufrieden mit sich. Aus ihrem wackligen Minderheitsbündnis mit der SPD in NRW ist eine solide Mehrheit geworden. Roth spricht von einem vollen Erfolg.

Bei ihren Parteifreunden und in der SPD ist von der Signalwirkung für den Bund die Rede. So mancher scheint sich längst auf dem Weg in die nächste Bundesregierung zu sehen. Doch der Grünen-Spitzenfrau in NRW, Sylvia Löhrmann, schmeckt das offenkundig nicht. Als sie mittags in der Berliner Parteizentrale vor die Presse tritt, analysiert sie ganz sachlich Wahlkampf und Wählerwanderungen. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles philosophiert im Fernsehen über ein neues rot-grünes Projekt – Löhrmann hingegen bremst alle Verzückung: Es gebe weder ein Projekt noch eine „rot-grüne Euphorie“. Ziel sei zwar eine rot-grüne Koalition auch im Bund. An der Eigenständigkeit der Grünen sei aber nicht zu rütteln. Parteichef Cem Özdemir pflichtet ihr bei.

Die Piraten entern im Hinterhof
Ein Berliner Hinterhof, ein Raum ohne Fenster. Der Ort, an dem die Piraten am Tag nach der Wahl die Presse informieren, ist ungewöhnlich. Jedenfalls, wenn man auf den Erfolg der Partei blickt, die mit fast acht Prozent in den Landtag von NRW gezogen ist. Die Spitzen-Piraten geben sich betont zurückhaltend. Das Wahlergebnis sei ein „fantastischer Erfolg“ für die Piraten, sagte Julia Schramm, Mitglied im Bundesvorstand. Es wäre aber verfrüht zu sagen, dass die Partei im kommenden Jahr automatisch in den Bundestag einziehen wird. Ähnlich sieht das der parlamentarische Geschäftsführer der Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Martin Delius: „Wir können nicht davon ausgehen, in den Bundestag einzuziehen.“ Der karge Raum, in dem beide Piraten sitzen, liegt nur wenige Bushaltestellen entfernt vom Reichstag, doch – gefühlt – ganz weit weg.

Röttgen stellt sich dem CDU-Präsidium
Es ist kurz vor 13.00 Uhr, im Konrad-Adenauer-Haus drängeln sich die Journalisten. Der erste Auftritt von Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel nach der Wahlklatsche steht bevor. Im Foyer der CDU-Zentrale sorgt ein Heft der Jungen Union für milden Spott. Das Magazin zeigt auf dem Titelblatt rechts den Schleswig-Holsteiner Jost de Jager, links den Wahlverlierer Norbert Röttgen. Zwischen den beiden prangt der Schriftzug „2 für Zukunft!“. De Jager hat in Schleswig-Holstein vielleicht noch eine, Röttgen in Nordrhein-Westfalen bekanntlich nicht mehr.

Kurz nach 13.00 Uhr treten Merkel und Röttgen vor die Journalisten. Röttgen sieht deutlich gefasster aus als noch am Wahlabend, im Präsidium sind sie vorher pfleglich mit ihm umgegangen, verlautet aus der Runde. Parteichefin Merkel scheint sogar guter Laune zu sein. Röttgen hat noch am Vorabend alle Schuld auf sich genommen und die Vorsitzende damit entlastet, in Berlin darf er Minister bleiben. Landtagswahlen sind keine Bundestagswahlen, sagt Merkel erwartungsgemäß, dem September 2013 sehe sie „sehr gelassen entgegen“. Eine halbe Stunde später ist die Show vorbei. Merkel tritt ab, der Euro muss weiter gerettet werden, Francois Hollande kommt am Dienstag zu Besuch. Kurzum: Es warten wichtigere Dinge.

Bei den Linken geht der Machtkampf weiter
14:55 Uhr, Innenhof Karl-Liebknecht-Haus. „Hallo, Herr Vorsitzender“, begrüßt ein Journalist Dietmar Bartsch. Der Vizechef der Bundestagsfraktion grinst amüsiert und bekräftigt anschließend gerne seine Ambitionen: Ja, er wolle weiterhin Parteichef werden. Aber das wolle doch auch Oskar Lafontaine, wird entgegnet. Wie wäre es denn mit einem Vizeposten unter dem Übervater der Partei? Bartsch holt tief Luft. „Ein ‚unter‘ kann ich mir nicht vorstellen“, sagte er. Kurz darauf tritt sein Unterstützer Klaus Lederer, Landeschef in Berlin, vor die Mikrofone. Er ist sichtlich sauer auf den Bundesvorsitzenden Klaus Ernst, der in einer Pressekonferenz unverhohlen für Lafontaine warb.

Dass sich der gesamte Bundesvorstand Lafontaines Rückkehr vorstellen könne, wie es Ernst andeutete, sei nicht wahr, sagt Lederer. Überhaupt brauche die Partei nicht eine einzige Person, um alle Probleme zu lösen, sondern ein funktionierendes Führungsteam, verlangt er. Der einzige, der an diesem sonnigen Nachmittag auf dem Hof der Parteizentrale fehlt, ist der, über den alle reden: Oskar Lafontaine. Er will erst am Dienstag zur nächsten Runde der parteiinternen Gespräche anreisen. Was dann passiert? Ein prominentes Parteimitglied, nicht gerade als Lafontaine-Fan bekannt, zuckt mit den Schultern. „Ich habe ehrlich keine Ahnung. Klar ist aber: So kann es nicht weitergehen.“

Veröffentlicht von

Peer-Michael Preß

Die Themenschwerpunkte des Autors sind B2B-Marketing, Medien und Kommunikationsstrategien und deren Umsetzung in der Praxis.

Seitb 20 Jahren ist er geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens Press Medien GmbH & Co. KG mit den Tätigkeitsbereichen Buch- und Zeitschriftenverlag, Druckerei und Medienagentur.

Er absolvierte die Ausbildung zum Verlagskaufmann in der Gundlach Gruppe, Bielefeld, und schloss erfolgreich ein Studium zum Betriebswirt mit Abschlussarbeit im Bereich Marketing zum Thema „E-Commerce in der graphischen Industrie“ ab.

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