Fachkräftemangel: Ein Aprilscherz und die Hintergründe

Kommentar von Dr. Jens Romba

Nicht direkt pünktlich zum 1. April, jedoch immer noch innerhalb des besagten Monats, ist im Spiegel-Online ein Bericht mit dem Titel „Ingenieurmangel kostet deutsche Wirtschaft Milliarden“ erschienen. Im Rahmen dieses Berichtes werden, wie im Rahmen vieler anderer Berichte zuvor, die Leser systematisch in den April geschickt, indem behauptet wird, dass laut einer „sogenannten Studie“ mehr als 100000 Ingenieurstellen in Deutschland unbesetzt sind, die heimische Wirtschaft allein im vergangenen Jahr dadurch acht Milliarden Euro verloren habe und „sogenannte Experten“ bereits die deutsche Innovationskultur in Gefahr sehen.

Auf unserer „Insel der Seligen“ hinkt laut dem Verband Deutscher Ingenieure (VDI) und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) die Zahl der Ingenieure der Nachfrage der Firmen weit hinterher. Eine wirklich alarmierende Entwicklung sowie durchaus eine Gefahr für unser gegenwärtiges Wirtschaftswunder.

Soweit die Mainstreampresse und soweit der permanent wiederkehrende Aprilscherz. Und da auf diese Informationen selbst viele Abgeordnete offenbar immer noch hereinfallen, wurde vom Bundestag jetzt auch ein Gesetz zur Einführung der sogenannten „Blue Card“ als vereinfachter Arbeitsgenehmigung verabschiedet.

Wie in den öffentlich rechtlichen Medien allseits bekannt gemacht wird, dürfen demnächst Ausländer aus Nicht-EU-Staaten bereits mit einem Arbeitsvertrag mit einem Jahresgehalt von mindestens 44800 Euro (etwa 2200 Euro netto pro Monat) in Deutschland arbeiten. Derzeit müssen Ausländer aus Nicht-EU-Staaten noch mindestens 66000 Euro pro Jahr (etwa 3000 Euro netto pro Monat) verdienen, um eine so genannte Niederlassungserlaubnis zu erhalten. In bestimmten Berufen, in denen der Fachkräftemangel angeblich besonders groß ist, wird diese Gehaltsschwelle sogar auf knapp 35000 Euro (etwa 1800 Euro netto pro Monat) verringert. Dazu zählen angeblich Ingenieure, Mathematiker, Ärzte und IT-Fachkräfte. Weiter sollen Inhaber der “Blauen Karte” nach drei Jahren ein Daueraufenthaltsrecht für sich und ihre Familie erhalten, wenn sie auch dann noch einen Arbeitsvertrag haben.

Ein jeder möge sich hier nun seine eigenen Gehaltsvorstellungen für zum Beispiel Ingenieure oder Ärzte selber dazudenken, die nach den entsprechend anspruchsvollen und arbeitsintensiven Studiengängen sicher nicht allzu niedrig ausfallen dürften. Und ein jeder möge sich auch fragen, ob er selber, wenn er denn dringend Fachkräfte benötigt, diesen eher weniger Gehalt zahlen würde, um diese überhaupt zu bekommen. Vor allem aber interessant ist die Frage, was bei Durchsetzung einer derartigen Politik denn über kurz oder lang mit den Gehältern der Einheimischen geschehen muss, wenn den Arbeitgebern auf diese Weise weitaus billigeres Personal zur Verfügung stehen wird. Denn selbst in den öffentlich rechtlichen Medien wird nun bereits vor “Lohndumping für Akademiker” gewarnt.

Aber, wie heißt es so schön in bestimmten Werbespots: Wer bestimmmte Fertigkeiten nicht beherrscht, sollte sich doch lieber an Leute wenden, die etwas davon verstehen. Und wer bis jetzt lediglich Falschinformationen verbreiten konnte, sollte sich doch lieber einmal an Quellen wenden, bei denen die Versorgung mit wahrheitsgemäßen Informationen sichergestellt ist.

Eine dieser Quellen ist das sogar von Bund und Ländern finanzierte Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Und ein Experte dieses Institutes zeichnet in einem Online abzurufenden Dokument über den Ingenieurbedarf in Deutschland ein gänzlich anderes Bild der „sogenannten Mangelsituation“. Für Ihn ist, ganz im Gegenteil, bereits in der Überschrift „ Keine Knappheit abzusehen“. Wörtlich zitiert steht dort: „Da zum einen der Ersatzbedarf an Ingenieuren zumindest in diesem Jahrzehnt nicht außergewöhnlich groß ausfallen dürfte und es zum anderen gegenwärtig einen Run auf ingenieurwissenschaftliche Studienplätze gibt, ist eher ein Überangebot als eine Knappheit an solchen Fachkräften zu erwarten. Eine realistischere Betrachtung des künftigen Ingenieursbedarfs ist dringend geboten, damit nicht junge Menschen in großer Zahl dazu verleitet werden, ein Studium zu absolvieren, mit dem sie Schwierigkeiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben könnten.“

Zudem ist für den Experten des DIW schon jetzt keine ausgeprägte Überalterung bei erwerbstätigen Ingenieuren zu erkennen. Es ist also nicht damit zu rechnen, dass, wie dies oftmals ebenfalls berichtet wird, bald massenhaft aktive Kräfte nur aufgrund des Erreichens der Pensionsgrenze in den Ruhestand wechseln. Dementsprechend werden in diesem Dokument auch keine besonderen Probleme erwartet, um den künftigen Bedarf zu decken.

In einer weiteren Stellungnahme zu diversen Gesetzesentwürfen des Deutschen Bundestages, betreffend auch den angeblich so notwendigen Zuzug von Fachkräften, wird glaubhaft dargelegt, dass die Belege diverser Organisationen und Lobbyisten für den angeblichen Fachkräftemangel wenig überzeugend sind. Da sich der Arbeitsmarkt als Markt in seiner Funktion generell nicht von anderen Märkten unterscheidet, steigen bei entstehenden Knappheiten die Preise der Güter und der Dienstleistungen genauso wie die Löhne auf dem Arbeitsmarkt. Zuletzt aber war eher eine Stagnation oder gar eine Verringerung der Reallöhne selbst bei qualifizierter Arbeit zu verzeichnen. Bei solch einer Entwicklung kann von einer Knappheit an Fachkräften keine Rede sein. Vielmehr müssen, nach allem ökonomischen Verständnis, Fachkräfte reichlich zur Verfügung stehen. Und da derart einfache ökonomische Sachverhalte eigentlich auch jeder Laie kapieren kann, stellt sich auch gleich die peinliche Frage, weshalb denn unsere vorgeblich so klugen Abgeordneten und Minister sowie auch sehr viele Leute in der Presse damit derart große Probleme haben. Eigentlich ein trauriges Beispiel dafür, dass sich die Bildungsmisere nicht nur auf Schulen und Universitäten beschränkt. Es sei denn, es liegen bezüglich der von Politik und Presse verbreiteten (Fehl-)Informationen noch andere Gründe vor. Wörtlich heißt es in dieser Stellungnahme , den Zuzug ausländischer Fachkräfte betreffend: „Falls durch die Ausweitung des Arbeitsplatzangebotes mehr Arbeitskräfte aus Drittstaaten nach Deutschland drängen, hat das Konsequenzen für den hiesigen Arbeitsmarkt. Da die Zahl der Arbeitnehmer zunimmt, die Arbeit suchen, entsteht auf jeden Fall ein Druck auf die Löhne – insbesondere dann, wenn die zusätzlichen Arbeitskräfte bereit sind, Entgelte zu akzeptieren, die deutlich geringer sind als das bestehende Lohnniveau. Da alle tragfähigen Indikatoren derzeit keinen ausgeprägten Fachkräftemangel anzeigen und ein solcher auch nicht in den kommenden Jahren zu erwarten ist, könnte es zu einem Verdrängungswettbewerb auf dem Arbeitsmarkt kommen – etwa zulasten älterer Fachkräfte. Oder Berufseinsteigern könnte es zunehmend schwer fallen, in ein Beschäftigungsverhältnis zu gelangen, das ihrer Qualifikation angemessen ist.“ Kurz und knapp gesagt, werden wir mit der sogenannten „Blue Card“ also noch unser blaues Wunder erleben.

Weiter wird in dieser Stellungnahme ganz richtig angeführt, dass eine reichliche Verfügbarkeit von Fachkräften zudem die Bereitschaft von Unternehmen verringert, in das Humankapital ihrer Belegschaft zu investieren. Dementsprechend wird hier gefragt, warum denn Mitarbeiter weitergebildet oder eingearbeitet werden sollen, wenn der Arbeitsmarkt in ausreichendem Maße die benötigten Qualifikationen zur Verfügung stellt. Heißt mit anderen Worten, dass in Zukunft nicht nur die Berufsanfänger und die Älteren Probleme haben werden, sondern auch Leute mit Berufserfahrung und im besten Erwerbsalter. Denn diese werden, selbst wenn schon langjährig beschäftigt und sehr zuverlässig, im Zweifelsfall einfach entlassen und dürfen sich in prekären Verhältnissen weiterbeschäftigen lassen. Genauso wie die dann neu Eingestellten, wenn deren Expertise ebenfalls irgendwann nicht mehr benötigt wird. Weiterbilden kann sich während seiner (beschäftigungs-)freien Zeit dann ein jeder, wie in der schon öfters erwähnten ARD-Dokumentation gezeigt. Und keine Angst für die Betroffenen, denn es kostet weder eigenes Geld noch das Geld irgendwelcher krisengebeutelten Arbeitgeber. Denn die Geschäfte mit der Arbeitslosigkeit werden schon seit langem brav vom Steuerzahler finanziert und bescheren so manchem Unternehmer sogar kräftige Gewinne. Und das in vielen Bereichen (so zum Beispiel fertig ausgebildetes qualifiziertes Personal; Realisierung völlig neuer, wenn auch sinnloser, Geschäftsideen; kostengünstige Abfallentsorgung; sichere Mieteinnahmen). Geschäfte, in deren Zusammenhang sich niemand über die ebenfalls völlig überzogenen Auswüchse so mancher „sogenannter Sozialschmarotzer“ wundern muß, da Gleiches eben oft Gleiches oder Ähnliches gebiert. Und sei es manches Mal nur aus purer Resignation.

Natürlich werden nun mit Sicherheit diverse Gutmenschen aufstehen und eine gewisse soziale Verantwortung unserer Gesellschaft gegenüber nicht so gut gestellten Teilen dieser Welt anführen. Denn wenn selbst Hartz 4 immer noch besser ist als die Armut in diversen Entwicklungsländern, so könnte man argumentieren, wäre es doch sozialer, hier einige deutsche Hartz 4-Empfänger auszuhalten und stattdessen den Experten aus den anderen Ländern hier eine reelle Chance zu geben, da sich so der Wohlstand weltweit gleicher verteilen würde. Der Denkfehler in dieser Argumentation wird in der besagten Stellungnahme allerdings auch gleich angeführt. Hier wird nämlich festgestellt, dass solch ein Brain Drain, wie ja über die Blue Card von der Bundesregierung geplant, insbesondere Entwicklungs- und Schwellenländer schwächen sowie die Anstrengungen der deutschen Entwicklungshilfe ad Absurdum führen würde. Zunächst einmal würden nämlich die fähigsten Köpfe aus diesen Nationen abgezogen. Und, so wird dann ganz richtig gefragt, warum ein in Deutschland lebender Migrant eine Tätigkeit in seinem Herkunftsland aufnehmen sollte, wenn sich ihm hierzulande bessere Einkommensmöglichkeiten bieten.

Werden derartige Planungen im Zusammenhang mit der Blue Card Realität, so werden hier keine Mängel an Akademikern, Ingenieuren und Fachkräften kompensiert, welche in den meisten Fachgebieten ohnehin nicht existieren. Vielmehr wird damit die Armut, sowohl in den Entwicklungs- und Schwellenländern als auch hier in Europa und in Deutschland, verstärkt. Zusätzlich dazu wird auf diese Weise auch kein hier lebender Arbeitssuchender für einen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt qualifiziert. Eher werden dadurch die noch funktionierenden Sozialsysteme überlastet.

Ein abschließend sehr guter Vorschlag des DIW-Experten ist es dann, zur Feststellung eines Fachkräftebedarfs lediglich aussagekräftige Indikatoren heranzuziehen. Einer dieser Indikatoren wäre hier die Lohnentwicklung. In diesem Zusammenhang wird erwähnt, daß bei der Bundesagentur für Arbeit zeitnah Daten über die Löhne der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in den einzelnen Berufen verfügbar sind, die regelmäßig und korrekt aufbereitet als grundlegende Information verwendet werden könnten. Wenigstens dann wenn diese Aufarbeitung wirklich korrekt und nicht politisch korrekt erfolgt.

 

(Quelle: http://www.readers-edition.de/2012/05/24/fachkraftemangel-ein-aprilscherz-und-die-hintergrunde/#comments)

 

 

Veröffentlicht von

Peer-Michael Preß

Die Themenschwerpunkte des Autors sind B2B-Marketing, Medien und Kommunikationsstrategien und deren Umsetzung in der Praxis.

Seitb 20 Jahren ist er geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens Press Medien GmbH & Co. KG mit den Tätigkeitsbereichen Buch- und Zeitschriftenverlag, Druckerei und Medienagentur.

Er absolvierte die Ausbildung zum Verlagskaufmann in der Gundlach Gruppe, Bielefeld, und schloss erfolgreich ein Studium zum Betriebswirt mit Abschlussarbeit im Bereich Marketing zum Thema „E-Commerce in der graphischen Industrie“ ab.

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Ein Gedanke zu „Fachkräftemangel: Ein Aprilscherz und die Hintergründe“

  1. Guten Tag Herr Dr. Romba,

    ich unterschreibe Ihren Artikel voll und ganz. Allein in meinem Bekanntenkreis gibt es 5 hervorragend ausgebildete Akademiker, die mit knapp 50 Jahren ausgemustert wurden und bis heute keine Anstellung mehr gefunden haben. Darunter ein Maschinenbauingenieur, ein Biochemiker und eine Marketingexpertin allesamt mit hervorragenden Referenzen. Von mir, als seit über 20 Jahren selbständiger Dipl. Grafik Designerin, will ich gar nicht erst reden. Ich bin auf jeden Fall dafür die tatsächliche Sachlage über die Fachkräfte in Deutschland publik zu machen und würde Sie dabei auch nach besten Kräften aktiv unterstützen. Der tagtägliche Überlebenskampf ist mehr als nervenaufreibend und sucht nach einem Ventil.

    Mit besten Grüßen
    E. R.

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