Bertelsmann Stiftung legt Jahresbilanz 2015 vor

Die Bertelsmann Stiftung sieht Europa in einer kritischen Phase und engagiert sich für die europäische Integration. Unternehmen kommt eine große Rolle auch für den gesellschaftli­chen Zusammenhalt zu. In der Region will man Start-ups durch ein Sonderprojekt besonders fördern. Auf die Herausforderungen in der Flüchtlingsfrage hat die Stiftung auch mit eigenen Projekten reagiert.

Gütersloh. Für Aart De Geus, den Vorstandsvorsitzenden der Bertelsmann Stif­tung, befindet sich Europa in einer kritischen Phase. Beispielhaft nannte er andauernde Kon­flikte in der Ukraine, die Staatsschuldenkrise in Griechenland, die Debatten um die Aufnahme und Verteilung von Flüchtlingen und aktuell die entscheidende Frage, wie es mit Großbritan­nien nach dem Referendum zum Brexit am 23. Juni weitergeht. Diese Probleme bestimmten unser Leben auch in Deutschland, in Ostwestfalen-Lippe (OWL) und Gütersloh, sagte De Geus.

Aart De Geus: „Der Brexit wäre ein Verlustgeschäft für alle in Europa. Ein Austritt Großbritanniens aus der EU würde sich nachteilig auf Industrie, Arbeitsplätze und Teilhabechancen auswirken, auch in Deutschland und OWL.“

Die Arbeit der Stiftung für ein „Europa der Bürger“ werde auch angesichts steigender Euro­paskepsis immer wichtiger. Eigene Umfragen zeigten, dass die Menschen in der EU hinter der europäischen Integration stünden und eine bessere Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten er­warteten. Bei entscheidenden Fragen entwickele sich jedoch eine Spaltung innerhalb Europas, dies zeige sich zum Beispiel an der Flüchtlingsfrage.

Verantwortungsvolles Unternehmertum wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft

Die stellvertretende Vorstandsvorsitzende Liz Mohn verwies auf globale Zusammenhänge und sagte, man wisse heute nicht, wie sich Schwellenländer, zum Beispiel Brasilien, entwi­ckeln werden. Auch China stehe durch das nachlassende Wachstum vor großen wirtschaftli­chen und sozialen Herausforderungen. Die Schnelligkeit der Veränderungen gebe Menschen ein Gefühl der Überforderung. Sie verspürten Unsicherheit und Zukunftsängste. Unterneh­men könnten hier positiv wirken und den Menschen Rückhalt bieten. Sie zog ein Fazit aus der Konferenz „Verantwortungsvolles Unternehmertum“ der letzten Woche zum Auftakt des Reinhard Mohn Preises 2016. In diesem Zusammenhang würdigte sie auch Professor Klaus Schwab, der im Juni den Reinhard Mohn Preis erhalten wird:

Er habe als einer der ersten erkannt, dass Unternehmen angesichts der Globalisierung und einer zunehmend vernetzten Welt eine besondere ökonomische und soziale Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft haben. Er sei Vordenker der Globalisierung und verstehe den Dialog zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu fördern.

Liz Mohn: „Wir brauchen die Kräfte aller gesellschaftlichen Gruppen, um den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen zu begegnen. Insbesondere auch die der Wirtschaft! Den Unternehmen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Diese werden sie aber nur dann ausfüllen können, wenn sie für ein glaubwürdiges und werteorientiertes Unternehmertum stehen.“

Dieses Anliegen vertritt Liz Mohn auch in Asien. In den nächsten Tagen wird sie nach China aufbrechen, um gemeinsam mit der deutschen Außenhandelskammer in Shanghai deutsche Unternehmen für ihr soziales Engagement in China auszuzeichnen.

Founders Foundation: Ein Start-up für Start-ups in OWL

Vorstand Jörg Dräger erläuterte, warum die Stiftung die gemeinnützige Founders Foundation gegründet habe. Denn OWL habe viele Weltmarktführer, tolle Universitäten mit 55.000 Studierenden und eine Menge Menschen mit guten Ideen, aber zu wenig Gründer und Start-ups. Hier setze die Founders Foundation an, um Gründer auszubilden und so innovative Geschäftsideen in der Region zu entwickeln. Der Start sei sehr vielversprechend verlaufen, eine erste Akademie sei überbucht gewesen und habe sehr gute Bewertungen bekommen.

Jörg Dräger: „Die gemeinnützige Founders Foundation bildet in der Tradition unseres Stifters Reinhard Mohn die nächste Unternehmergeneration in Ostwestfalen-Lippe aus. So entstehen hier in der Region neue Chancen für Menschen mit unternehmerischem Potential.“

Die Bertelsmann Stiftung werde in dieses Sonderprojekt in den nächsten fünf Jahren bis zu 17 Mio. Euro investieren. Ein sog. Founders Camp starte am 1. September in Bielefeld. Die Idee: In sechs Monaten von der Geschäftsidee zum Unternehmen zukommen. Elemente des Förderprogramms seien gezielte Beratung, Seminare von Profis und ein gemeinsames Büro.

Stiftung auch beim Thema Flüchtlinge stark engagiert

Vorstand Brigitte Mohn ging auf das beherrschende Thema des vergangenen Jahres ein: die Flucht- und Migrationsbewegung nach Europa und nach Deutschland. Auch das habe die Stif­tung sehr konkret beschäftigt. Man habe seit dem Sommer 2015 auf die Entwicklung reagiert und erhebliche Ressourcen aktiviert.

Brigitte Mohn: „Insgesamt haben wir 35 Projekte neu auf den Weg gebracht oder neu ausgerichtet. Aus der Stiftung sind über 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Flüchtlingsthema engagiert, und wir haben bereits mehr als sechs Millionen Euro für neue Projektvorhaben in die Hand genommen. Weitere Projekte sind in Planung.“

Mohn nannte eine Vielzahl von Projekten, die bereits Erfolge vorzuweisen haben. Konkret habe die Stiftung zum Beispiel rund eine Millionen Euro für Soforthilfemaßnahmen bereitge­stellt. Man engagiere sich für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und sei an dem Pilotpro­jekt „Flüchtlinge verstehen“ beteiligt. Dabei gehe es um das zentrale Problem, dass sich deut­sche Ärzte und geflohene Patienten nicht verstehen. Über das Internet könne man nun Dol­metscher zu vereinbarten Sprechstunden hinzuschalten. Das Projekt wurde kürzlich mit dem „Medizin-Management-Preis“ ausgezeichnet. In Berlin unterstützt die Stiftung den Partner PHINEO gAG, der für Flüchtlinge einen praxisnahen Ratgeber „Vom Willkommen zum An­kommen“ als Orientierungshilfe veröffentlicht habe, die auch digital von der Webseite herun­terzuladen sei.

www.bertelsmann-stiftung.de

Veröffentlicht von

Sascha Brinkdöpke

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